| ARBEITSGEMEINSCHAFT DER GERMANISTEN NÖ. |
AG-TAGUNG DEUTSCH
LITERATURUNTERRICHT HEUTE Lust oder Frust?
mit JULIAN SCHUTTING
Dienstag, 13. November, bis Mittwoch, 14. November 2001,
im Stift Seitenstetten, Bildungszentrum St. Benedikt
Promenade 13, 3353 Seitenstetten, Tel: 07477/ 42885-17
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Peter Bubenik
Persönliche Eindrücke zu Julian Schutting
Unzählig sind die Begegnungen mit Menschen, die wir haben, die uns widerfahren. Sie werden von uns als angenehm oder unangenehm oder nichtssagend empfunden.
Sie gehören zum menschlichen Leben, weil wir eingebettete Wesen sind.
Begegnungen im small talk, Treffen mit unseren Freunden, Diskussionen, Plaudereien - alles Begegnungen.Wir erleben sie, konsumieren sie, haben Freude - Zorn - Ablehnung, haben sie einfach. - Und wir ändern uns nicht!
Und dann treffen wir einen Menschen, mit dem wir ins Gespräch kommen, mit dem wir UMGEHEN, herumgehen, dem wir zuhören - bei dessen Äußerungen wir die Ohren spitzen, der uns auf sein Erleben der Dinge hinweist.
Und diese Dinge, die bisher uns bisher nichtssagend umgaben, beginnen sich zu ändern. Sie beginnen zu leben. Und dann sieht unsere Welt anders aus, ganz anders.Die Welt wird neu, interessant. Die Selbstverständlichkeit der Dinge verfliegt. Sie verlieren ihre Unschuld, wir fühlen uns zunächst unbehaust - müssen uns erst die Versetzungen, Vertiefungen und Umkehrungen vertraut machen. Bewusstheit ersetzt Selbstverständlichkeit. Ausgesetztheit ersetzt Kuschelwärme.
Und das geschieht alles wegen einer Begegnung mit einem Menschen, der weiter ist als wir, der schärfer sieht, den Dingen auf den Grund geht, den Blick für tiefere Schichten des Seins besitzt, der in den Dingen blättern kann, der sie zu lesen vermag, der Parallelitäten erfassen kann, der in den Dingen Zusammenhänge erahnt, die er in Assoziationen fasst, - und der diese Zuständlichkeiten in Worte zu fassen und zu vermitteln vermag.
Und solch eine Begegnung liegt in meiner persönlichen Erfahrung.
Es war auf dem mir vertrauten Sonntagberg, in der Basilika und es war in der Agatha-Kirche in Amstetten - und Weiteres geschah am Friedhof und dem Park davor - alles in Amstetten.
Lauter vertraute Orte, nichts mehr Neues sagende Standbilder, Zeichen, Inschriften - eben meine graue Realität.
Da stehe ich dann neben Julian Schutting, höre zu, gehe von Standbild zu Standbild, von Bild zu Bild, und komme zum Zeichenstein mit seiner Darstellung der Sonntagberger Entstehungssage und erfahre, was bisher nicht zum Bewusstsein gedrungen ist, sehe den Stein zittern, das Gitter darum fallen und es öffnen sich Assoziationen über das Brot aus Stein, schweifen hinweg zum Armenbrot, das dem Mensch damals qualvoll fehlte. Das Schwarz der Mauer, von Kerzen berußt, wird real, wird der Notschrei der Menschen in einer ungerechten Welt.
Dann in der Agatha-Kirche - die große irritierende Darstellung der hl. Agatha, deren Brust eben zerquetscht wird, weil ein wütender, geiler Herzog nach ihr giert. Und da schreibt der "Dichter" Schutting:
Christ ist geboren!, sagt der Pfarrer und draußen stürmt und schneit es, nur die Zange ist glühend heiß. Die hl. Familie flieht nach Ägypten, Agathas Brust aber harret aus. Jesus macht Blinde sehend, weckt sogar Tote von den Toten auf, nur die Brust Agathes bleibt von einer glühenden Zange gequetscht.Etwas weiter:
Petrus wird aus dem Kerker befreit, Jesus entzieht sich ihren (nicht glühenden) Blicken, nur Agathe bleibt, damit ihr (von der Kirchenbank aus gesehen) die linke Brust abgedrückt werde.Assoziationen, Bibelwort und Realität des Heute tun sich auf. Der Leser von Schuttings Texten wird das gewöhnen. Ein Ding, besehen aus der Perspektive des Jetzt, des Damals, wörtlich genommen, bildhaft erhöht, parallel gesetzt mit Ähnlichkeiten, und das Ding wird anders, sein Leben beginnt den Leser aufzuwecken, ihn zu berühren!
Mit einer Gruppe - im Zentrum Schutting - ein Gang wie die 12 Apostel mit Jesus - und dann Erstarren, weil der Autor hinzeigt: Restaurierte goldene Zeichen, Runen, SS-Aufschrift. Grell auf dem schwarzen Grabstein, Staunen über die weggelegten, versteckten Kämpfer für ihr Gewissen und für Österreich, als es dieses nicht gab.
Dann Stehen vor dem Amstettner Heldendenkmal im Park vor dem Friedhof und Worte hören:
... mit dem von Scheinwerfern erhellten Denkmal (eine der faschistischen Kunst nachempfundene, aber durch ein Kreuz ins Christliche gemilderte Figurengruppe) versöhnen, auch deshalb, weil das auf die versteinerten Männer gerichtete Scheinwerferlicht nicht nur an einen nächtlichen Großangriff auf Eingekesselte, sondern auch an nächtliche Erschießungen von Geiseln und Deserteuren denken lässt: möge den Parkbesuchern der überlebensgroße Mann, der, vor dem Kreuze stehend, mit dem einen Arm eine zarte Frau, mit dem anderen, einen Zusammengesunkenen mit Kopfverband hält, trotz seinem Stahlhelm und seinem kämpferisch-entschlossenen Blick in die Feindesferne längst zu dem eben vom Kreuz genommenen und seine Feinde noch im Tod und über den Tod hinaus liebenden Christus geworden sein, dessen überlebende Liebe die Mutter und den Lieblingsjünger tröstet, ...Worte, die ergreifen müssen, die in einen eindringen wie Speerspitzen, wehtun, die Sinne ergreifen, anspannen.
Da sollte man sich nicht ändern? Diese Begegnung lehrt schauen, lehrt weiterdenken, erweitert die Bewusstheit.
Wer sich in solches Schauen und Denken einlässt, der wird anders, der wird sehend.Das persönliche Erleben eines Dichters, mit ihm die Welt zu sehen beginnen, das brachte vor Jahren für meine Bewusstheit eine entscheidende Wende.
Die Wende ist mittlerweilen auch in Amstetten geschehen: Die Widerstandskämpfer haben vis a vis vom "Russen"-Denkmal eine sichtbare Stätte, die jüdischen Amstettner Opfer haben ein Denkmal daneben. Der ganze Park ist ein Denkmal, pluralistisch für alle Opfer! Ist das ein Zeichen für wirksame Literatur? Totengedenken?
Julian Schuttings Stellung in der LiteraturDas Erfahren einer literarischen Methode, die Dinge, die Welt zu sehen, das kann durch eine Begegnung klar werden, die Frage nach der Verbindlichkeit, der Bedeutung dieser Sichtweise wird virulent, wenn man sich diesem literarischen Menschen als Leser, Interpret und als Konsument nähert. Fragen: Ist diese Art zu denken, zu schauen zu assoziieren, zu schreiben allgemein gültig, ist das repräsentativ? Kann man solcher Sichtweise folgen ohne in die Enttäuschung der Individualität zu gelangen?
Die Person, aber auch das Werk Julian Schuttings gelingt es nicht, in irgendeine Strömung oder Mode oder eine Epoche einzuordnen. Julian Schutting geht seinen Weg des Schreibens konsequent. Seine Angst, des Schreibens verlustig zu gehen, das ist niemals irgendwie eingetreten.
Er hat von Anfang an bis heute seine schriftstellerische Identität behalten. Es ist kein Bruch zu sehen. Was er schrieb war er und das von Anbeginn her, als er noch mit Jutta signierte.
Leben und Schreiben bilden bei ihm eine Einheit. Auf männliche oder weibliche Strukturen, auf geschlechtsspezifische Denk- und Sprachmuster lässt sich das Werk dieses Autors gewiss nicht untersuchen.
Er lässt sich nicht einordnen, er hat weder die Postmoderne Mode begleitet, noch hat er sich in irgendeine Mode einengen lassen. Die Sprache, die er schreibt, die hat nur er. Den Zugang zur Literatur, wie er ihn sieht, hat nur er. Die Inkonsequenz der Postmoderne ist ebenfalls an ihm vorbeigegangen, er hat das Wortgeklingel nicht notwendig, weil er eine eigene Sprache gefunden hat, mit der er sich in jeder Situation ausdrücken kann, wie die "Rückwendung" zum ganz normalen Erzählen, die viele Autoren glaubten, vornehmen zu müssen, wenn man heute gelesen werden will.Bei Schutting findet sich selbstverständlich auch das "Erzählende" von Anbeginn seines Schreibens, aber es ist nicht die satte Form des Erzählens bei ihm, es ist immer das Weiterführen des Lesers in einen Inhalt voller Reflexionen und Assoziationen. Das Ich-Erleben steht im Vordergrund und die Methode, die vorher in der persönlichen Begegnung offensichtlich geworden war, die ist immer spürbar.
Waren im Frühwerk Schuttings die Verknappung, grammatische Reduktion bis auf die Spitze getrieben worden - es findet sich eine extreme analytische, experimentelle Schreibweise mit dem Zwang zu Präzision, zur Verschlüsselung, so findet sich in der konsequenten Weiterentwicklung eine kunstvolle Ausweitung der Sprache und der Struktur, also eine Amplifikation: Nach wie vor wird verknappt, reduziert, wird nominalisiert, werden die verbalen Teile eines Satzes gerne unvollendet gelassen infinit eingesetzt, zugleich aber werden alle Teile des Satzes und der Semantik ausgeweitet weit über das zum Verstehen Notwendige. Und in dieser Form brechen die Texte auf in Parallelität, Assoziation, Skurrilität, Ironie, in neue Schicht- und Ebenenbedeutungen.
Schutting ist schwer zu lesen, ist schwer zu verstehen. Niemand wird sich wundern, benötigt man zwei-dreimaliges Lesen zum Verstehen.Der Autor und Mensch Schutting ist als Erzähler nie ein "Erzähler" gewesen. Es gibt keine Handlung in seinen Texten, sondern Zuständliches, was wiedergegeben und beschrieben wird.
Die Unfähigkeit, eine Geschichte zu schreiben - Handlungen bestenfalls Reisevorbereitungen in den einen Zustand.
Darzustellen wären: die Zustände, die den einen Zustand machen, als Wetterkarten. Die Stufenlandschaft unserer Begegnungen von den Flüssen im Karst bis zu den Wolken. Gedanken und Gespräche als Suchbewegung zweier Ranken.So schreibt Julian Schutting selbst. In seiner Liebesgeschichte.
Nicht das "WAS" als Inhalt, sondern die Bewegung das "WIE" des Erzählens interessiert den Autor. Es geht ihm um die analytische, assoziative, parallele Darstellung von Objekten und "vor-narrativen" Zuständen. Es kommt einem vor all hätte der Autor nicht Zeit zum Erzählen, als verstellte ihm die Erzählhaltung die Wahrheit der Einzelheiten. Erzählhaltung ist für ihn die Verschleiern der Wirklichkeiten.
Der Leser ist immer aufgefordert im Strukturellen, im Formalen, im Grammatikalischen mitzuarbeiten. Eine Annäherung an das Werk dieses Autors ist nur mit Kopf, Hirn, Assoziationsvermögen und mit einem weiten, offenen Herzen, das bereit ist mitzugehen und mitzudenken und mitzufühlen-gleichzeitig, möglich.Julian Schutting bleibt und ist der "große Einzelne in der österreichischen Literatur" (Hans Weigel), er -Schutting-selbst bemerkt lakonisch: dass die Sprache, die ich schreib´, nur ich hab´.
Und so ist die Literatur dieses Autors ganz eng verbunden mit seiner höchstpersönlichen Sprache, seiner Persönlichkeit und seinem Leben.
Und weil diese drei Aspekte eine Einheit bilden, steht er allein in der literarischen Beurteilungswelt, ist nicht ein Zuschlag zu irgendeiner Strömung. Er schreibt seine Literatur.
CharakteristikaWenn wir uns auf Werke von Julian Schutting einlassen, dann werden wir mit einer formalen und sprachlichen Verknappung besonderer Art konfrontiert. Die Umgehung des üblichen Erzählens führt zur Form der Kurzprosa oder der lyrischen Formen, deren Ausgestaltung ebenfalls die Eigenart des Autors in sich tragen., das Fragmentarische von Form und Satzbau begegnet dem Leser auf Schritt und Tritt. Die Reduktion der Syntax, wobei abgebrochene Sätze, unfertige Konstruktionen, gegen die Normgrammatik geformte Satzstrukturen aber nicht verwendet werden, um damit Verwirrung zu stiften oder um einfach der Außerordentlichkeit wegen, sondern weil sie inhaltlich weiterführen, im semantischen Bereich wirksam werden:
letzte Woche haben, steht in der Zeitung, auf einer WieseDer Autor verzichtet in diesem Satz auf die Verbform und auf das Subjekt "Kinder gespielt". Dieser Verzicht auf Grammatikalität und die Reduktion (Ellipse) meint hier, dass die Tatsache dass Kinder auf einer Wiese gespielt haben, nicht unbedingt real ist. Erstens steht das bloß in einer Zeitung, man erfährt es über ein mehr oder weniger glaubhaftes Medium und dass es offenbar Kinder waren, die dort spielten, bleibt nur erahnbar, nur aus dem Kontext ergänzbar, und ist damit gar nicht so sicher, und dass sie gespielt haben bleibt ebenfalls ungewiss.
Die Reduktion, die Weglassung, die "Ungrammatikalität" erhalten ihren Sinn im Inhaltlichen.
Der Nominalstil erscheint als Grundelement der Sprache deshalb, weil Schutting die Verben in ihrer Funktion beschneidet. Sie werden so ihrer dominanten Stellung beraubt, was auch im Sinne der Gleichberechtigung zu verstehen ist. - Zugleich zeigt dieser Umstand an, dass der Zustand, das Statische, den Vorrang hat vor dem Handelnden.Eine entscheidende Wirksamkeit bekommen die Texte durch die Parallelführungen verschiedener Ebenen
"so gehen wir miteinander (Gemeint ist das geborgene Eichkätzchen und der Autor im Innsbrucker-Ambraser Park) durch den Winterwald - weiß mein Begleiter davon nicht mehr, als dass er sich, leicht geschaukelt wie von einem Zweig, nun wieder wohl fühlt? Ein unter einem Militärmantel verborgenes und so gerettetes Kind fällt mir ein, und ich bemühe mich, meinen Bewohner so behutsam zu tragen, wie auf dem Schulweg Schneeglöckchen von Schulbubenhänden getragen werden ( und währenddessen ist es mir noch ganz seltsam und doch auch schon selbstverständlich, so plötzlich ein wanderndes Nest geworden zu sein und der Empfänger so ungewöhnlicher Vertrauensseligkeit und Gottergebenheit).Ersichtlich wird hier neben der Parallelitäten des Geschehens auch die stifterische Genauigkeit der Gegenstände, der Lebewesen, das Hineindenken in die belebte Natur. Die Genauigkeit wird mit einem fast mikroskopischen Auge, zumindest mit einem von einem Vergrößerungsglas unterstützten Auge gesehen und verfremdet. Dies ist auch ein Mittel den Gegenständen nahe zu kommen, sie zu hinterfragen. Der Text "das Land Fremdenverkehr" zeigt so eine Stelle, wo vom Aufzählen von Realem die Realität immer genauer, immer enger und wird und schließlich diese Realität aus der Wirklichkeit fällt und zur erzählerischen Wahrheit wird.
Hotels Appartmentshäuser Pools Tennis-und Campingplatz Liegewiese Minigolfplatz Geschäfte Standln Bars. Die vordere Grenze der ausgebaggerte Streifen Meer, mit Stegen Steinstufen und Leitern dem applanierten Atrandbadstrand verbunden, die hintere: Stacheldraht Unkraut und Buschwerk. Die Enteignung und Denaturalisation am deutlichsten in den zu Ehren der D-GB-NL- und A-Eroberer aufgezogenen Fahnen, auch dort, wo erst vor kurzem begrabst oder Raschwüchsiges an die Stelle dessen, was man abgetragen hat, gepflanzt worden ist, und in den vermutlich bei den Aufräumungsarbeiten vor der letzten Saison vergessenen Zementsäcken im Schatten der Promenade. Was hier einmal gewesen ist (sofern es nicht wie der Zitronengarten ein Hotel mit Dependance oder wie die Fischerhütte eine Grillstube geworden ist,), hinter den Zaun zurückgedrängt und, als ob man sich seiner schämte, mit den Lauten und Gerüchen von früher in einem Reservat hinter der Macchia vorläufig noch geduldet.Satzbau und Satzstruktur erinnern an Kleist, die Genauigkeit und Ruhe der Darstellung an Stifter und das Hinzutreten zu den Gegenständen und ihre Vergrößerung und damit ihr Verfremdungseffekt an Kafka: und es ist unweigerlich Schutting! - ein österreichischer Dichter!
Ein Wort Schuttings zur Wirkung dieser Darstellungsart:
Meine Methode ist ja auch, mich von Alltagsdingen anrühren zu lassen, Visionen daraus aufsteigen zu lassen. Das erste, was man sieht, ist der Anschein, den entlarve ich als Schein und lasse dann alles das aufsteigen, was sich dahinter noch verbergen könnte.Die Texte werden dadurch Mehrwertig, Mehrdeutig, es ist eine Darstellung der Möglichkeiten einer wahrheitsnahen Realität.
Wirklichkeiten auszuprobieren, ohne sie leben zu müssen, die verschiedensten Lebens- und Erscheinungsformen in der Fiktion, distanziert, festzuhalten, wobei alles immer wieder auch ganz anders sein könnte (daher auch die überaus häufig verwendeten Konjunktive bei Schutting, die unbestimmte Zeit des Präsens, daher auch die Kleinbuchstaben am Anfang der Geschichten und der Sätze -alles nur Ausschnitt, eine von vielen denkbaren Möglichkeiten).Zu all diesen Erscheinungen in den Texten: Zum Aufzeigen von Parallelitäten, von überlagerten Ebenen, der Vielfalt von Gegebenheiten, die Mehrdeutigkeit äußern sich auch in der häufigen Parataxe, der Häufung und der ungenierten Wiederholung.
Weitergabe in der Schule im DeutschunterrichtDiese Analyse und Darstellung der Dichtungen Schuttings mag uns allesamt erheben. Dadurch schätzen wir dieses Werk und wir erfreuen uns daran, dass es einen Autor gibt, der uns neue Einsichten in die Realität gibt, der uns wach erhält.
Ist aber diese sprachliche Welt, diese formale Einzigartigkeit auch jungen Menschen zumutbar?Wie steht es mit der Motivation der Schülerinnen und Schüler für solche Literatur, die man erobern muss unter Mühen? Die zum Schluss noch gar keinen herkömmlichen SPAß erlauben?
Darf ich an die Tagung der AG-Germanisten in der vorigen Woche am Dienstag erinnern?
Die unbestrittene These lautete da: Man müsse die Jugend zu WERTVOLLEN Texten hinführen, da gäbe es keinen demokratischen Weg zum Lustempfinden. Es wäre notwendig unsere Schülerinnen und Schüler mit wert(e)voller Literatur, Kunst (auch Musik und Darstellende Kunst) zu konfrontieren. Die Aufgabe eines Lehrers wäre es, die Motivation zu steigern, die Aufnahmebereitschaft methodisch, didaktisch zu öffnen.
Gerade die Texte von Julian Schutting sind für uns Deutschlehrer von großem Interesse. Die Weite der Thematik bleibt eine Fundgrube, dazu kommt, dass gerade die Motive und Themen den Menschen von Heute durch die Assoziationen berühren müssen, die Kürze der Texte, vieler Texte bietet Chancen und schließlich lässt sich das Instrumentarium der Sprache, etwas Schwieriges, Mehrdimensionales auszudrücken, bei Schutting in hervorragender Weise sichtbar machen.
Da die Literatur dieses Autors immer und bei jedem Satz eine Vertiefung, eine Weiterführung, eine Ausweitung des Bewusstseins bringt, kann diese vorgelegte Literatur nicht zu einem Frust führen. - Weil sie jedem etwas geben muss. Und wenn jemand etwas erhält, dann ist er nicht frustriert. Literaturgenuss wird dann als Lust oder auch Spaß empfunden, wenn er dem Konsumenten etwas gibt, bringt. Das ist in dieser Form, wo verschiedene Aspekte des Lebens, des Schauens dargestellt werden gegeben.
Eine reine Lustkonsumation ist Kunst niemals, dessen müssen wir uns bewusst sein. Deshalb ist es falsch, das reine Spaßsyndrom immer und in allen Schulstufen, vor allem der Unterstufe, als entscheidende Maxime unseres Unterrichtens hinzustellen. Solcherart wird man die Jugendlichen nie dazu führen eine bessere Zeitung zu lesen als die Kronen-Zeitung, niemals dazu führen Texte zu lesen, die nicht auf einen Blick hin verständlich sind, niemals zu einer Musik führen, die mehr ist als Background-Musik, und schon gar nicht zur Kunst.
Für mich bleibt aber auch entscheidend, dass die Sichtweise und das Herangehen Schuttings an die Gegenstände, die Dinge, für jeden Menschen interessant sein müsste. Man wird durch seine Methode ein Beschauer, ein Erkennender, man bleibt nie an der Oberfläche. Einfacher gesagt, man wird tiefer. Man wird damit weiser. Man sieht auch weitere Dimensionen der Realität. Und gerade diese Art des Schauens ist eine Begegnung mit diesem Autor wert, macht diese Literatur für jeden wertvoll-ja notwendig. Damit schließe ich den Kreis. Meine persönliche Begegnung mit Julian Schutting öffnete mir sein Werk, öffnete mir den Weg zu einer differenzierteren Art des Schauens. Dies sollte auch der Weg unserer Schüler sein.
Für uns selbst, die wir hier in Seitenstetten beisammen sind, wird hoffentlich ebenfalls dieser Weg geöffnet werden. Wir begegnen dem Menschen Schutting, seinem Werk, seiner Literatur. Möge es eine Begegnung der Bereicherung und Vertiefung für uns alle werden!
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| agn.pi-noe.ac.at | 15. 11. 2001 |