| ARBEITSGEMEINSCHAFT DER GERMANISTEN NÖ. |
5. Schiller-Gespräche / AG Tagung Deutsch
6. November 2000, Theater der Landeshauptstadt St. Pölten
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Ideal und Wirklichkeit. Der Mensch zwischen Freiheit und Zwang.
Zusammenfassung des Referats von Tobias Richter:
Tobias Richter war Waldorflehrer und ist jetzt in der Lehreraus-/ weiterbildung in Deutschland, Österreich und Kroatien tätig.
Ausgangspunkt des Referates bildet die Fragestellung, was kann Pädagogik / Schule zur Werte- und Sinnvermittlung vor dem Hintergrund der Ästhetischen Briefe v. F. Schiller beitragen.
Die Zielperspektive Ästhetischer Erziehung ist die Ermöglichung des notwendigen Übergangs vom sinnlich-empfangenden zum vernünftig-tätigen Menschen, d.h. den Menschen aus dem Herrschaftsbereich der Natur und seiner Leidenschaften zur Vernunftsfreiheit objektiven Denkens und moralischer Praxis hinzuführen; die Befreiung des Menschen für ein selbst-bestimmtes Handeln.
"Mit einem Wort: es gibt keinen anderen Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als daß man denselben zuvor ästhetisch macht." (F. Schiller)
Tobias Richter hält fest, daß die Auseinandersetzung mit der Frage der Ästhetik direkt zur ethischen Perspektive von Ästhetik führt und somit auch zur Frage von Werten und Werthaltung. Es gilt Kommunikationsverhalten und -verhältnisse zu ästhetisieren, damit moralische Prinzipien praktisch werden können.
Wie verhält sich jedoch Ästhetik innerhalb der Pädagogik. Ästhetik als pädagogische Dimension spiegelt sich wider in einer ästhetischen Methodik (wie wirken verschiedene Methoden ästhetisch), in einer Ästhetik des Curriculums, in der Ästhetik des Raumes, dem ästhetischen Aspekt der Sprache (Sprache hier zu verstehen als Sprache der Bewegung, als Sprache der Musik, als Sprache der Malerei, Sprache der Bauformen usw.) und beinhaltet Ästhetik als persönliche Haltung, was wiederum auf Ethik verweist.
Ästhetik ist untrennbar mit Kultur, wie Kultur untrennbar mit Sprache verbunden ist. Es gilt jedoch Sprache nicht nur als Informationsvermittlung zu verstehen, sondern sich zu fragen, was Sprache in Bezug auf Begegnung leisten kann, wie sich die Sprache von Kindern jenseits bekannter Codes gestaltet. Das Postulat "Sprich mit mir" ist von äußerster Dringlichkeit. Wie elementar es ist, wird deutlich in Hinblick auf z.B. Sprachentwicklungsstörungen und / oder Sprachverfallserscheinungen (siehe Taxi Orange: Reduktion auf Adjektive, Emotionalisierung - vergleichbar der Comic-Sprache); Phänomene, die Auswirkung bis hin zur Ausbildung von Grob- und Feinmotorik haben.1
Eine Ästhetik der Didaktik beinhaltet auch immer die Kategorien von Wert und Wirkung einerseits sowie Inhalt und Form andererseits: Gibt es z.B. eine Sprache der Geometrie, eine Sprache der Geschichte, jenseits des Fachvokabulars; wie gestaltet sich die Wirkung eines Faches, die bis in die Haltung hineinreicht; begegnet man einer bestimmten Qualität des z.B. Historikers, oder herrscht nur Wissenschaftlichkeit vor?
Betrachtet man Sprache unter der ästhetischen Dimension, so hat man zwischen dem Stoff- Lebenstrieb und dem Form- Gestalttrieb zu differenzieren. Alles, was sich rauschhaft, sinnlich "aus dem Bauch" (s.o. Emotionalisierung) auch in der Sprache äußert oder in kalter, abstrakter Distanziertheit formuliert wird ("Kollateralschäden), ist Ausdruck dieser polaren "Triebe" und führt in Vereinseitigungen. Nur das Spiel, das lebendige Gestalten ermöglicht Freiheit.2
Es gilt die Freude am sprachlichen Spiel zu unterstützen, den lebendigen Umgang mit Sprache, das ursprünglich Schöpferische der Sprache zu fördern, ohne jedoch die Notwendigkeiten der Sprache (Grammatik, Semantik, Linguistik etc. genauso wie sprachliche Ästhetik) zu vernachlässigen.
"Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit des Geistes, und nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen" (F. Schiller, 2. Brief)
Es bedeutet ebenso den Prozeß des Mitschaffens pädagogisch anzuleiten, z.B. durch ein selbständig geschaffenes Kunstwerk ein Kunstwerk zu interpretieren.
Eine weitere nicht außer Acht zu lassende Komponente ist die Dimension der Zeit: das Moment der Muse, das Element, wo Werte-Erlebnisse möglich sind. Daraus resultiert die Frage, wie ein Stundenplan gestaltet werden müßte, um eine Begegnung, eine Wertentdeckung bzw. Wertschöpfung zu gewähren. Das ist nur dann zu erreichen, wenn verweilt, entdeckt, identifiziert, aber auch gestaltet werden kann.
Um Ästhetik / ästhetische Erziehung und Bildung im hier erläuterten Sinn didaktisch und pädagogisch effektiv verankern zu können, muß Ästhetik als solche fortwährend ins Bewußtsein gehoben, installiert und verstärkt werden.
"Die theoretische Kultur soll die praktische herbeiführen, und die praktische doch die Bedingung der theoretischen sein." (F. Schiller)
Zusammengefaßt von: Mag. Adele Kobald
| 1 | vgl.: | Bodo Franzmann u.a. (Hg.): Auf den Schultern von Gutenberg; Berlin, München 1995 |
| W. D. Fröhlich (Hg.): Die verstellte Welt; Weinheim, Basel 1992 | ||
| R. Patzlaff: Sprachzerfall und Aggression; Stuttgart 1994 | ||
| 2 | "Freiheit" vgl. einleitender Text und "Geben Sie Gedankenfreiheit" aus: Don Carlos III,10 |
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