ARBEITSGEMEINSCHAFT DER GERMANISTEN NÖ.
<<<  Home


8. Internationale SCHILLER-GESPRÄCHE 2003/04

WERDEN WIR SPRACHLOS ...?

AG-Tagung Deutsch in Zusammenarbeit mit dem Verein
"Institut neue IMPULSE durch Kunst und Pädagogik"

NÖ. Landesbibliothek, 3109 St. Pölten
Donnerstag, 6. November 2003, 14 Uhr

Leitung: Peter Wolsdorff und Dr. Peter Bubenik


Programm >>  •  Lesung  •  Vortrag Dr. Seipel >>  •  Fotos >>  •  Einladung >>

 

Kurt Hexmann las Texte von
Julian Schutting, Friederike Roth, Ingeborg Bachmann, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Steiner und Ernst Jandl.


 

Julian Schutting
Daß nur sprachlos
(für Kurt Hexmann)

Daß nur sprachlos ich vor dir stünde,
so du mir sagen müsstest, du wollest nicht mehr haben meine Liebe?
Nicht mehr würden – oder ginge denn nicht für einen Dichter
Liebesverlust mit Sprachverlust so Hand-in-Hand
Wie wir beide über Wiesen? – nicht mehr wüssten in Liebes=
Gedichten die Wörter sich aneinanderzuschmiegen,
oder gäbe es ohne dich und mich, einander
von uns selbst genommen, die glückliche Fügung
„Seite-an-Seite“ und „Wange-an-Wange“ denn noch?
Mit deiner Liebe oder wie dir die Liebe
Käme zuallererst unseren Wörtern die Seele abhanden,
wären schon faulig geschrumpelte Äpfel, taube Nüsse:
sag mir noch eines, dürft ich dich fragen, weißt am End
du noch, was die Bedeutung war eines Wortes wie „Liebes=
entzücken“, oder hätten Wörter, da Worte nur Worte,
nie etwas zu bedeuten gehabt, auch nicht eines,
das sich so ähnlich wie „Seenflucht“ angehört hat?
Aber es ginge doch auch vor Liebesverlust
Durch all deine Liebeswörter ein Riß!
Dass es an der sprachlosen Sprache wäre, aufzubegehren,
so dir nichts mehr an der meinen
abhanden gekommenen Liebe gelegen sein könnte?
An deinem Urteil, Seelen-und Körperzwiesprache
sei dir erloschen, halberstickt, wüsste hinschwindende
Sprachbeherrschung sich zu hüten, nach Worten zu suchen,
wohlwissend, dass kein Wort an einem anderen haften wollte,
zu den Steinen versteinert, von denen nicht einer
auf einem dann bleibt! Was mir aber bliebe zu tun:
der Sprache wie einem Schwarm toter Singvögel
die Käfigtür des Herzens zu öffnen – das sich dir
auch im wortlosen Schlaf geweitet hat, auf dass sogleich
in unhellen Scharen all die Wörter davonflögen, -
die eben noch einen Mondhof hatten und Sehnsucht strahlten!
Weißt du noch, könnt ich dann fragen, wie das geheißen hat,
in das wir uns gestürzt sind bei jedem Wieder-was?
Und was hätte gehört auf den Namen „Wiedersehensumarmung“?

30. September 2003


 

Friederike Roth „Das Buch des Lebens“
UND WENN DOCH NICHTS ZUSAMMENHINGE?

Vereinzelt die Dinge der Welt?
Diese Bilder (wo war er denn, dieser Saal voller Bilder?), in denen
der Mann auf dem Bett sitzt, abgewendet von der Frau, die hinter
ihm liegt, oder die Frau auf dem Bett sitzt, abgewendet von dem
Mann, der hinter ihr liegt.
Alles vorbei. Wo sind die Reste?
Später: mit neuen Figuren das alte Geliebel; im Ganzen dieselbe
Geschichte, gleichmäßig hingebungsvoll im Ton.
     : Sag mir, dass du mich liebst.
     : Du musst es spüren.
     : Ich will. Dass du es sagst.
     : Was ist, das muß man nicht sagen
     : Ich will es hören.
     : Ich kann es nicht sagen.
     : Weils nicht so ist?
     : Weil es so ist.
     : Dann sag, dass es so ist.
     : Es ist so.
     : Wie?
     : Es ist so, wie es ist.
     : Lüge ruhig, aber schenke mir Rosen und sage dazu, dass du
       mich liebst. Ich höre es gerne und außerdem ist es schön.


 

Ingeborg Bachmann
[Es könnte viel bedeuten]

Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen
Und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.


 

Hugo von Hofmannsthal
BRIEF AN EINEN GLEICHALTRIGEN

Losung der Älter-Werdenden: das Wenige erfassen. Noch einmal alle Vergangenheit an uns heranreißen als Lebenspyramide.

Was uns auf unsere Zeit weist, ist die Unfähigkeit, an der Geselligkeit der früheren Lebenden teilzunehmen, mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen; wir geben ihnen nicht die wahre Aufmerksamkeit.

Darum das leidenschaftliche Hinwenden zur Sprache. Die eine Kirche aus der Nation macht.

Unser eigentliches Geheimnis war unsere Haltung im Leben, die Perspektive unserer Äußerungen, - damit waren wir Vorläufer, Vorfühler.

Unser letztes Wort, - haben wir es gesagt? Steht es nicht noch unausgesprochen zwischen den Zeilen unserer Werke? Verknüpft es uns nicht noch später Kommenden? Unsere Welt, - haben wir sie geschaffen? Unsere Perspektiven, - sind sie erkannt?

Die Bedeutung einer Generation für die Nachfolgende: sie übergibt ihr die Welt durch Wortäußerungen, welche aber Lebensgebärden sind. Die Verantwortlichkeit: wieweit man zu Geltung selbst gekommen ist, dafür ist man verantwortlich.

Die Jugend, die das Lösewort des Rätsels bringt: die nächstjüngeren. – Alles liegt an der Endsituation.

Man versteht ein Wort, das einmal einer ausgesprochen hat: es war alles ausgesprochen, Feuer genug, um Granit zu schmelzen, - aber vielleicht war es vergeblich: in diesem Gefühl wenden wir uns zu denen, welche die Fackel aus unserer Hand nehmen.


 

Rudolf Steiner
Über Friedrich Schiller

Wir stärken uns durch diese Werke für den Lebenskampf. So wenig unser Leib ohne körperliche Nahrung sein kann, ebenso wenig kann unsere Seele ohne geistige Speise sein. Ein Mensch, der sich um die Werke der Dichter und Denker nicht kümmerst, kann nur einen rohen und armseligen Geist haben. Er wird aber oft ein viel härteres Los haben als derjenige, welcher die geistigen Schöpfungen kennt. Denn über manche traurige Stunde kann ihm eine Dichtung hinweghelfen; manchen Trost kann uns geben, was ein bedeutender Mensch gesagt hat. Ohne dass wir es merken, wird unser Charakter veredelt, wenn wir die Schöpfungen der Dichter in uns aufnehmen.

Friedrich Schiller ist ein Dichter, von dem jedes Wort uns tief ins Herz dringen muss. Denn es ist alles aus dem tiefsten Herzen gesprochen, was er uns geschenkt hat.


 

Friederike Roth
minimal-erzählungen

Schreiben ist, es zum zweitenmal sagen, und das zweitemal ist etwas anderes als das erstemal, und deshalb hilft es auch nicht weiter, wenn man sätze, die zu einem bestimmten ereignis gehörten, wiedergibt, - um dieses ereignis zu beschreiben, denn ein ereignis wird dadurch, dass ich seine sprache reproduziere, um nichts wirklicher, (...), und das ereignis, das ich durch seine sätze reproduzieren wollte, wird zu einem neuen ereignis, nämlich zu einem ereignis aus sprache, und deshalb ist das zweite ereignis immer ein anderes ereignis als das erste ereignis.


 

Ernst Jandl
Wie das  erzählen geschieht

hart vor tatendrang
hart vor tatendrang
hart davor
immer hart davor
und lang

und dann lang nichts

und dann lang davon erzählt

 

agn.pi-noe.ac.at 11. 11. 2003