| Julian
Schutting
Daß nur sprachlos
(für Kurt Hexmann)
Daß
nur sprachlos ich vor dir stünde,
so du mir sagen müsstest, du wollest nicht mehr haben meine
Liebe?
Nicht mehr würden oder ginge denn nicht für einen
Dichter
Liebesverlust mit Sprachverlust so Hand-in-Hand
Wie wir beide über Wiesen? nicht mehr wüssten
in Liebes=
Gedichten die Wörter sich aneinanderzuschmiegen,
oder gäbe es ohne dich und mich, einander
von uns selbst genommen, die glückliche Fügung
Seite-an-Seite und Wange-an-Wange denn
noch?
Mit deiner Liebe oder wie dir die Liebe
Käme zuallererst unseren Wörtern die Seele abhanden,
wären schon faulig geschrumpelte Äpfel, taube Nüsse:
sag mir noch eines, dürft ich dich fragen, weißt am
End
du noch, was die Bedeutung war eines Wortes wie Liebes=
entzücken, oder hätten Wörter, da Worte nur
Worte,
nie etwas zu bedeuten gehabt, auch nicht eines,
das sich so ähnlich wie Seenflucht angehört
hat?
Aber es ginge doch auch vor Liebesverlust
Durch all deine Liebeswörter ein Riß!
Dass es an der sprachlosen Sprache wäre, aufzubegehren,
so dir nichts mehr an der meinen
abhanden gekommenen Liebe gelegen sein könnte?
An deinem Urteil, Seelen-und Körperzwiesprache
sei dir erloschen, halberstickt, wüsste hinschwindende
Sprachbeherrschung sich zu hüten, nach Worten zu suchen,
wohlwissend, dass kein Wort an einem anderen haften wollte,
zu den Steinen versteinert, von denen nicht einer
auf einem dann bleibt! Was mir aber bliebe zu tun:
der Sprache wie einem Schwarm toter Singvögel
die Käfigtür des Herzens zu öffnen das sich
dir
auch im wortlosen Schlaf geweitet hat, auf dass sogleich
in unhellen Scharen all die Wörter davonflögen, -
die eben noch einen Mondhof hatten und Sehnsucht strahlten!
Weißt du noch, könnt ich dann fragen, wie das geheißen
hat,
in das wir uns gestürzt sind bei jedem Wieder-was?
Und was hätte gehört auf den Namen Wiedersehensumarmung?
30. September
2003 |
| Friederike
Roth Das Buch des Lebens
UND WENN DOCH NICHTS ZUSAMMENHINGE?
Vereinzelt
die Dinge der Welt?
Diese Bilder (wo war er denn, dieser Saal voller Bilder?), in
denen
der Mann auf dem Bett sitzt, abgewendet von der Frau, die hinter
ihm liegt, oder die Frau auf dem Bett sitzt, abgewendet von dem
Mann, der hinter ihr liegt.
Alles vorbei. Wo sind die Reste?
Später: mit neuen Figuren das alte Geliebel; im Ganzen dieselbe
Geschichte, gleichmäßig hingebungsvoll im Ton.
: Sag mir, dass du mich liebst.
: Du musst es spüren.
: Ich will. Dass du es sagst.
: Was ist, das muß man nicht
sagen
: Ich will es hören.
: Ich kann es nicht sagen.
: Weils nicht so ist?
: Weil es so ist.
: Dann sag, dass es so ist.
: Es ist so.
: Wie?
: Es ist so, wie es ist.
: Lüge ruhig, aber schenke
mir Rosen und sage dazu, dass du
mich liebst. Ich höre
es gerne und außerdem ist es schön. |
| Ingeborg
Bachmann
[Es könnte viel bedeuten]
Es könnte
viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen
Und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,
zerschlägt
so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen. |
| Hugo
von Hofmannsthal
BRIEF AN EINEN GLEICHALTRIGEN
Losung der
Älter-Werdenden: das Wenige erfassen. Noch einmal alle Vergangenheit
an uns heranreißen als Lebenspyramide.
Was uns auf
unsere Zeit weist, ist die Unfähigkeit, an der Geselligkeit
der früheren Lebenden teilzunehmen, mit ihnen Gemeinschaft
zu pflegen; wir geben ihnen nicht die wahre Aufmerksamkeit.
Darum das
leidenschaftliche Hinwenden zur Sprache. Die eine Kirche aus der
Nation macht.
Unser eigentliches
Geheimnis war unsere Haltung im Leben, die Perspektive unserer
Äußerungen, - damit waren wir Vorläufer, Vorfühler.
Unser letztes
Wort, - haben wir es gesagt? Steht es nicht noch unausgesprochen
zwischen den Zeilen unserer Werke? Verknüpft es uns nicht
noch später Kommenden? Unsere Welt, - haben wir sie geschaffen?
Unsere Perspektiven, - sind sie erkannt?
Die Bedeutung
einer Generation für die Nachfolgende: sie übergibt
ihr die Welt durch Wortäußerungen, welche aber Lebensgebärden
sind. Die Verantwortlichkeit: wieweit man zu Geltung selbst gekommen
ist, dafür ist man verantwortlich.
Die Jugend,
die das Lösewort des Rätsels bringt: die nächstjüngeren.
Alles liegt an der Endsituation.
Man versteht
ein Wort, das einmal einer ausgesprochen hat: es war alles ausgesprochen,
Feuer genug, um Granit zu schmelzen, - aber vielleicht war es
vergeblich: in diesem Gefühl wenden wir uns zu denen, welche
die Fackel aus unserer Hand nehmen. |
| Rudolf
Steiner
Über Friedrich Schiller
Wir stärken
uns durch diese Werke für den Lebenskampf. So wenig unser
Leib ohne körperliche Nahrung sein kann, ebenso wenig kann
unsere Seele ohne geistige Speise sein. Ein Mensch, der sich um
die Werke der Dichter und Denker nicht kümmerst, kann nur
einen rohen und armseligen Geist haben. Er wird aber oft ein viel
härteres Los haben als derjenige, welcher die geistigen Schöpfungen
kennt. Denn über manche traurige Stunde kann ihm eine Dichtung
hinweghelfen; manchen Trost kann uns geben, was ein bedeutender
Mensch gesagt hat. Ohne dass wir es merken, wird unser Charakter
veredelt, wenn wir die Schöpfungen der Dichter in uns aufnehmen.
Friedrich
Schiller ist ein Dichter, von dem jedes Wort uns tief ins Herz
dringen muss. Denn es ist alles aus dem tiefsten Herzen gesprochen,
was er uns geschenkt hat. |
| Friederike
Roth
minimal-erzählungen
Schreiben
ist, es zum zweitenmal sagen, und das zweitemal ist etwas anderes
als das erstemal, und deshalb hilft es auch nicht weiter, wenn
man sätze, die zu einem bestimmten ereignis gehörten,
wiedergibt, - um dieses ereignis zu beschreiben, denn ein ereignis
wird dadurch, dass ich seine sprache reproduziere, um nichts wirklicher,
(...), und das ereignis, das ich durch seine sätze reproduzieren
wollte, wird zu einem neuen ereignis, nämlich zu einem ereignis
aus sprache, und deshalb ist das zweite ereignis immer ein anderes
ereignis als das erste ereignis. |
| Ernst
Jandl
Wie das erzählen geschieht
hart vor tatendrang
hart vor tatendrang
hart davor
immer hart davor
und lang
und dann lang
nichts
und dann lang
davon erzählt |
|