Die
politische Lyrik der Sechziger und Siebziger Jahre
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was habe ich hier verloren,
in diesem land,
dahin mich gebracht haben meine älteren
durch arglosigkeit?
Aus:
Hans Magnus Enzensberger,
Landessprache (1960)
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Zum
zeitgeschichtlichen Kontext, der gerade für jede Art von
politischer Lyrik natürlich stets besonders wichtig ist, gehören
im Falle der Sechziger und Siebziger Jahre in der Bundesrepublik
Deutschland das immer stärker werdende Unbehagen der Jugend gegen
die herrschende geistige Restaurations- und Verdrängungstendenzen
in der Wirtschaftswunder – Ära, weiters die
Widerstandsbewegungen gegen den Vietnamkrieg bzw. die sogenannten
Ostermärsche gegen die atomare Aufrüstung.
Ob
man nun die zeitliche Zäsur bereits um 1960 oder lieber erst im
Umbruchjahr 1968 ansetzt: Charakteristisch für diese Texte ist
eine Wendung hin zur „Realität“ in der Lyrik. In einer der
„Kahlschlag“ – Zeit (unmittelbar nach 1945) ähnlichen Weise stellen sich viele
Autoren gegen jede Art von Literatur, welche die Wirklichkeit
ihrer Meinung nach nicht aufzeige, sondern sie statt dessen in
irgendeiner Form verschleiere. Das kann nun nach Auffassung dieser
Schriftsteller sowohl die eskapistische Form der Naturlyrik als
auch die hermetische Lyrik in der Tradition Gottfried Benns sein.
Ein Gedicht schreiben muss nun bedeuten, sich im schreiberischen
Produktionsprozess der Realität zu stellen und anschließend
diese Realität als Ergebnis im lyrischen Text offen zu legen.
In
dieser Umbruchsphase der Lyrik, in welcher sich der seit den Dreißigern
anhaltende Traditionalismus in der Lyrik mitsamt seinen
Konventionen und poetischen Klischees endgültig abgenutzt hatte (vgl. die Naturlyrik!), irritierten nun gänzlich neue Texte die
Leser. Das waren nun nämlich Gedichte, die sich weder auf die bewährte
und bekannte Naturmagie und Naturidylle festlegen ließen, noch
auf die Tradition der hermetischen Lyrik in der Benn – Nachfolge
zurückgriffen.
Bei
der Beurteilung der politischen Lyrik der Sechziger sind zwei
Richtungen zu erkennen: einerseits die direkt eingreifende,
engagierte und unmittelbar politische Lyrik;
andererseits diejenigen Autoren, welche die Literatur
selbst als die Wirklichkeit
sehen.
Hans
Magnus Enzensberger, als „Bürgerschreck“ und „rabiater
Randalierer“ tituliert, schreibt 1962 in seinem Essay „Poesie
und Politik“, alle Poesie sei von sich aus politisch, d. h. das
Gedicht sei "durch sein bloßes Dasein subversiv [...]. Der
politische Aspekt der Poesie muss ihr selber immanent sein. Keine
Ableitung von außen vermag ihn aufzudecken.“
Der Sinn der Lyrik sei es, „sich jedem politischen
Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen, noch dort, wo es
von keinem spricht, von einem Baum, von einem Stein, von dem was
nicht ist. [...] Das Gedicht, das sich, gleichviel ob aus Irrtum
oder Niedertracht, verkauft, ist zum Tod verurteilt.“
Zu
den bedeutendsten
Autoren politischer Lyrik nach 1945 gehören:
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Hans
Magnus Enzensberger (geb. 1929): „die verteidigung der wölfe
gegen die lämmer“ (1957), „landessprache“ (1960)
-
Erich
Fried (1921 – 1988): „und Vietnam und“ (1966)
Auch
die sogenannten „Liedermacher“ in der Tradition des
Protestsongs gehören mit zur politischen Lyrik der Sechziger und
Siebziger Jahre, die größte Bedeutung erlangen dabei sicher Wolf
Biermann und Franz Josef Degenhardt.
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Der
Text erschien in Enzensbergers erstem Gedichtband „die
verteidigung der wölfe gegen die lämmer“ (1957) und lässt die
markante intellektuelle Perspektive von Enzensbergers Lyrik
konkret werden: das Empfinden der tödlichen Bedrohung, der
geistigen Einschnürung inmitten eines Staates, der sein
Repressionspotential nicht zu verbergen weiß, in demselben Maß,
wie er die Spuren des Nationalsozialismus verdrängt. So
beschwörend eindringlich der Text auf den Leser wirkt, so präzise
gibt er auch Auskunft über die Situation von Verfolgung und Exil,
die schon vergessen wurde, indem er ihre literarischen Chiffren
nennt: „den kleinen verrat“ (Z. 8), „wut und geduld“ (Z.
12), das „salz / für die wehrlosen“ (Z. 11 – 12).
Hans
Magnus Enzensbergers Gedicht „ins lesebuch für die oberstufe“
ist wohl zu Recht zum bekanntesten Text seines Frühwerks
geworden. Das liegt nicht zuletzt an der Prägnanz, mit welcher
der Autor das erste Nachkriegsjahrzehnt der BRD mit der (aus
heutiger Sicht fast verblüffenden) Selbstzufriedenheit mit jener
von Westdeutschland zu dieser Zeit tabuisierten Geschichte der NS
– Zeit konfrontiert.
Das
Gedicht lässt am Ende offen, wer eigentlich die „macht“ (Z.
12) ist und wer „wieder listen ans tor / schlagen“
(Z. 4 – 5) lässt. Was aber prophezeit wird, ist der Tag,
an dem wieder die verdrängte Vergangenheit auferstehen wird können,
weil sich nichts ändert.
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Hans
Magnus Enzensberger (geb. 1929):
ins lesebuch für die oberstufe |
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lies keine oden, mein sohn,
lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den pass, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung. nützlich
sind die enzykliken zum feueranzünden,
die manifeste: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.
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Erich
Fried, der gebürtige Wiener jüdischer Abstammung, emigrierte 1938 nach
London und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahre 1988.
Seit
1944 veröffentlichte er Gedichtbände, wurde aber erst in den Siebziger
Jahren wirklich populär, u.
a. durch seine Liebesgedichte. Hier wie auch sonst bei Erich Fried wird
die politische Bedeutung des scheinbar Privaten besonders betont. Das
Nachdenken über Heimatlosigkeit und Fremdheit, über Krieg und Faschismus
ist ein konstantes Leitthema seiner durch und durch kompromisslosen
politischen Lyrik - z. B. im Gedichtband „und Vietnam und“ (1966) -,
die bei allem Engagement durch ein Festhalten an der künstlerisch
durchkomponierten Form gekennzeichnet ist.
Das
oben angeführte kurze Gedicht aus dem Band „und Vietnam und“, der
vorrangig Erich Frieds Ruf als politischer Lyriker
begründete, besticht durch seine Entlarvung der zensierten
Medienberichte aus dem Geschehen im Vietnamkrieg.
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Erich
Fried (1921 – 1988): 17. - 22. Mai 1966 |
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Aus Da Nang
wurde fünf Tage hindurch
täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse
Am sechsten Tag wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
in Da Nang
bisher etwa tausend Opfer
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Erich
Fried: Vertiefende Informationen und Texte auf der Seite der Virtuellen
Schule Deutsch... mehr
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Bis in die
späten
Achtziger Jahre (!) gab es in der BRD immer wieder zeitweilige Bedenken über
die Eignung von Frieds politischen Gedichten für den Unterricht. Für die
Zulassung eines Deutsch - Lesebuchs in Bayern wurde 1977 beispielsweise
seitens des bayrischen Kultusministerium die Herausnahme von Texten Erich
Frieds gefordert. Im selben Jahr war die Behandlung des folgenden Fried
– Gedichtes an einer höheren Schule in der Stadt Bremen Gegenstand
einer heftigen Diskussion auf höchster politischer Ebene.
Wieder geht es um „allmächtige“
Staatsmacht: Vergleicht man aber Frieds Text mit Text 1 von Hans Magnus
Enzensberger, so fällt sofort auf, dass Fried die Dinge beim Namen nennt,
während Enzensberger weitaus allgemeiner formuliert hat. Der bekennende
Linksradikale Erich Fried spricht namentlich von Mitgliedern der RAF (=
Rote Armee Fraktion, eine Terroristenorganisation), nennt de facto die Gerichtsurteile gegen Horst
Mahler und Ulrike Meinhof. Die ersten beiden Abschnitte des Gedichtes erzählen
in emotional stark aufgeladener Sprache, wie es zum Terrorismus der RAF
kommen konnte. Dann macht Fried eine Zäsur in zweifacher Hinsicht: Von
der deskriptiven Analyse der Ursachen geht er insgeheim lauernd zu einer
Fragestellung über: Fast beiläufig stellt er die „Anfrage an die
Justiz“ betreffend die Vergleichbarkeit des gegen die RAF – Mitglieder
verhängten Strafausmaßes in Relation zu den Verbrechen der
Nationalsozialisten.
Bei diesem kompromisslos
provokanten Inhalt dieses Gedichtes (und auch anderer Texte Frieds) ist es
durchaus nicht verwunderlich, dass der Autor immer wieder Probleme mit
diversen politischen Stellen hatte.
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| Erich
Fried (1921 – 1988): Die Anfrage |
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Mit Verleumdung und Unterdrückung
und Kommunistenverbot
und Todesschüssen in Notwehr
auf unbewaffnete Linke
gelang es den Herrschenden
eine handvoll empörte Empörer
Ulrike Meinhof
Horst Mahler
und einige mehr
so weit zu treiben
dass sie den Sinn verloren
für das was in dieser Gesellschaft
verwirklichbar ist
Was weiter
geschah
war eigentlich zu erwarten:
Wieder Menschenjagd
Wieder Todesschüsse in Notwehr
die bekannten Justizmethoden
die bekannten Zeitungsartikel
und die Urteile gegen Horst Mahler
und gegen Ulrike Meinhof
Aber Anfrage an
die Justiz
betreffend die Länge der Strafen:
Wieviel tausend Juden
muss ein Nazi ermordet haben
um heute verurteilt zu werden
zu so lange Haft?
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Mag. Brigitte Poppernitsch (BRG Spittal / Drau) |
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