Naturlyrik

 

 
 

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Aus: Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen

Gespräche über Bäume - in der Lyrik unmittelbar nach 1945 bzw. in den Fünfziger Jahren gab es sie in rauen Mengen! Eine der lyrischen Hauptströmungen befasste sich nämlich bevorzugt mit der Darstellung einer beseelten, mythischen Natur als Grundbedingung jeglicher menschlichen Existenz.

 

Die naturmagische Schule

Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke sind die wichtigsten Mitbegründer der sogenannten naturmagischen Schule innerhalb der modernen Naturlyrik. Im naturmagischen Gedicht wird die Natur (oft über die Mythologisierung) vom historischen und gesellschaftlichen Bereich getrennt. Wie kein anderes Thema prägt die Natur die Lyrik der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die moderne Naturlyrik stellt eine rätselhafte Natur dar, die das menschliche Sein zugleich bedroht und erfüllt. In der Natur wirken jene mythischen, dem Menschen verborgen bleibenden Kräfte, welche sämtliche seelischen und körperlichen Erschütterungen des Menschen wie auch alle seine technischen Errungenschaften überdauern werden.

Die Natur bleibt nach Ansicht dieser Lyriker in ihrem Kosmos von der menschlichen Vernichtungswut in ihren Wurzeln unberührt, sie ist im Gegensatz zum Menschen und seinen fragilen Gebilden zeitlos.

Über den Weg der Dichtung soll die Landschaft dem Menschen wieder nahe gebracht werden, über die Vermittlung des Dichters soll die Natur aus sich selbst wieder zum Individuum sprechen; die Gesellschaft hingegen bleibt als etwas künstlich Geschaffenes wegen ihrer grundsätzlichen Fragwürdigkeit thematisch ausgeklammert.

Die Begründer der modernen Naturlyrik:

  • Wilhelm Lehmann ( 1888 - 1968 ): Gedichtsammlung „Der grüne Gott“ (1942)

  • Elisabeth Langgässer ( 1889 – 1950): Gedichtsammlung „Der Laubmann und die Rose“ (1947)

  • Oskar Loerke ( 1884 -1941 ): Gedichtsammlungen „Der Atem der Erde“ (1930), „Der Silberdistelwald“ (1934)

 

Traditionalismus und Eskapismus

Die Wurzeln dieser Strömung sind bereits in den Dreißiger Jahren zu finden, als die Naturlyrik eine Renaissance erlebte. Daher finden sich in dieser Tradition auch nach 1945 viele Schriftsteller, die bereits in der Vorkriegszeit Naturgedichte schrieben und mit ihrer Lyrik versuchten, das Fremdartige, Dunkle und Magische der Dingwelt wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. In einer inneren Emigration hatten die meisten dieser Autoren die Zeit des Dritten Reiches überdauert, indem sie für sich einen konsequenten Rückzug aus der Gesellschaft praktizierten; nun knüpften sie in traditionalistischer Manier an ihr Schreiben der Vor - NS - Zeit an.

Dass gerade die Naturlyrik in den frühen Nachkriegsjahren bei den Bürgern so regen Zuspruch fand, ist leicht zu erklären. Die stilisierte Naturlandschaft bedeutete für die Menschen im Nachkriegsdeutschland eine Möglichkeit des Fortträumens aus den tristen realen Verhältnissen. Als solche wurde sie von den Bürgern des in Trümmern liegenden Landes gern angenommen. Dieser Eskapismus ging Hand in Hand mit der Verweigerung jeglichen politischen und gesellschaftlichen Engagements. Zu sehr war man noch von den bösen Erfahrungen aus der NS - Zeit gezeichnet,  zu kurz lagen erst die Entnazifizierungen zurück. Das Weltbild war im Zweiten Weltkrieg aus den Fugen geraten und mündete in eine Lyrik, die sich als allerletzte Konsequenz dem Rückzug aus der Politik verschrieb: ein wenig Biedermeier-Stimmung also in der Literatur nach 1945.

 

 

Die schuldige Landschaft

Dass sich allerdings die Naturlyrik nicht immer nur in diesen eben genannten Bahnen bewegte, sondern durchaus auch politische und / oder moralische Dimensionen einschließen konnte, soll in der Folge an Hand einiger Textbeispiele ebenfalls erläutert werden. Der Bogen moderner Naturlyrik spannt sich also von einem gewollten Rückzug in eine schönere Welt im Gefolge des Traditionalismus über die Verunsicherung eines heilen Weltbildes bis hin zur Darstellung einer „schuldig gewordenen“ Landschaft.

Die wichtigsten Vertreter der modernen Naturlyrik nach 1945:

  • Günter Eich (1907 - 1972)  -  Gedichtsammlung „Botschaften des Regens „ ( 1955 )

  • Karl Krolow (1915 - 1999) -  Gedichtsammlung „Die Zeichen der Welt“ ( 1952 )

  • Peter Huchel (1903 - 1981) -  Gedichtsammlungen „Chausseen, Chausseen“ ( 1963 ), „Die Sternenreuse“ (1967), „Gezählte Tage“ (1972)

 

Naturlyrik nach 1945 - Textbeispiele

Georg Britting : Herbstgefühl (1944)

Günter Eich: Ende eines Sommers (1955)

Wolfgang Weyrauch: Sommer (1961)

Peter Huchel: Winterpsalm (1962)

Peter Rühmkorf: Naturlyrik (1959)


ILLUSTRATION ZU BRITTING

Max Unhold: Illustration zu einem Gedichtband Georg Brittings

Bereits 1944 und angesichts der immer wahrscheinlicher werdenden Niederlage des nationalsozialistischen Regimes verfasst, erscheint das in Sonettform geschriebene Gedicht geradezu vorausschauend zu sein auf die Einstellung vieler Menschen in den ersten Nachkriegsjahren.

Während die beiden Quartette den vielfältigen Erscheinungsformen des Herbstes nachspüren, sind die Terzette als Aufforderungen des lyrischen Ichs an den Leser (und wohl auch an sich selbst) gestaltet: „Bescheide dich! Begnüg dich zuzusehn!“ (3. Strophe, Z. 1). Es ist eine lyrische Absage an jede Form politischen Engagements, quasi ein vorweggenommenes Motto der kommenden Jahre: genügsam zu sein, sich von der Welt zurückzuziehen und die kleinen Freuden zu genießen, die noch geblieben sind: denn „[...] noch ist der Krug nicht leer.“ (4. Strophe, 3. Z.).

 

Ingeborg Schuldt–Britting über Georg Britting... mehr

 

Georg Britting (1891 - 1964): Herbstgefühl

Tiefblaue Trauben hängt der Herbst vors Haus.
Die Kürbisse, im goldnen Lichte, warten,
Dass man sie holt, und räkeln sich im Garten.
Der Brunnen glüht. Es sieht sein Wasser aus,

Als sei es Wein, bestimmt zu Fest und Schmaus
Und jedem Glück. Am Himmel ziehts mit zarten,
Befiederten Gewölken weit hinaus.
Wo gehn sie hin, die unnennbaren Fahrten?

Bescheide dich! Begnüg dich zuzusehn!
Ein Krug mit Wein ist vor dich hingestellt;
Daneben liegt ein Buch. Was willst du mehr?

Lies einen Vers und lass die Wolken wehn!
Hör es gelassen, wie der Apfel fällt
Ins hohe Gras: noch ist der Krug nicht leer.


GÜNTER EICHDas Grundthema des Lyrikers, Erzählers und Hörspielautors Günter Eich ist das Leiden des Individuums an der ihm auferlegten Existenz. In der Natur und ihren Erscheinungsformen begibt sich der Autor in seinen Gedichten der Fünfziger Jahre auf die Suche nach Antworten auf seine Fragen nach dem Dasein. (Eich wandte sich später allerdings enttäuscht und verbittert von diesem Thema ab, da es ihm unmöglich schien, diese Sinnfragen für sich selbst zu beantworten.) Die Gedichte aus seiner Sammlung „Botschaften des Regens“ aus dem Jahr 1955 dokumentieren Eichs Versuch, mit Hilfe der Sprache der rätselvollen Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. In den sechziger Jahren wandelte sich die Einstellung dieses Autors zur Natur und zur Sprache grundlegend. Der erste Lyrikband aus dieser Zeit, „Zu den Akten“ (1964), macht dies besonders deutlich.

„Ende eines Sommers“ beginnt mit einer einzeln für sich stehenden Zeile, in welcher das lyrische Ich ausruft: „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ Mit dieser Zeile wird dem Leser gleichsam Trost zugesprochen, denn der Titel des Gedichtes trägt den Gedanken an die Endlichkeit in sich. Leben und Bäume gehören zusammen, sie sind dem Zyklus von Wachsen, Reifen und Sterben ebenso unterworfen wie der Mensch. Der Vorgang des Reifens, des Erntens wird anschließend  an den Pfirsichen und den Pflaumen verdeutlicht, während „unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht“  (Z. 4) wie das Wasser. In der Folge setzt Eich das in der Lyrik beliebte herbstliche Abschiedsbild des Vogelzuges ein. Die Vögel sind „gelassen“, denn sie wissen nicht um ihre Endlichkeit. Parallel zum Zunehmen der Wegstrecke, welche sie zurücklegen, schreitet auch der Herbst voran, Räumliches und Zeitliches werden miteinander in Verbindung gebracht in der Metapher „die Bewegung der Flügel färbt die Früchte“ (Z. 9).

Günter Eich (1907 – 1972 ):
Ende eines Sommers

 

Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!

Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.
Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken
werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Es heißt Geduld haben.
Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.

Im letzten Abschnitt des Gedichtes ist der Blick auf die Zukunft gerichtet, und die zugleich erhoffte, aber auch bittere Erkenntnis wird ausgesprochen: „Es heißt Geduld haben. / Bald wird die Vogelschrift entsiegelt, / unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.“ (Z. 10 – 13)

All das, was uns hier und jetzt noch verborgen ist, alle irdischen Erscheinungen, deren Sinn wir nicht wissen, tragen eine geheime Botschaft in sich, die im Tod sich erst dem Menschen entschlüsseln wird. Diese Sichtweise ist für Günter Eichs Gedichte aus dieser Zeit ganz typisch, wie in der Einleitung zu dieser Besprechung schon festgestellt wurde. Der Tod wird angedeutet durch den „Pfennig“, den Obolus, den der Verstorbene in der griechischen Mythologie beim Übersetzen über den Unterweltfluss Acheron dem Fährmann Charon entrichten muss und den die Griechen daher ihren Toten unter die Zunge legten.


1961 unter dem Titel „Sommer“ erstmals erschienen, trug Wolfgang Weyrauchs dreizehnzeiliges Gedicht in der 1987 veröffentlichten Sammlung „Atom und Aloe“ - im Text nur unmaßgeblich verändert - den Titel „Korea“, womit auch der inhaltliche Bezug (Koreakrieg) klarer wird. In der Erstfassung bleibt dieser unmittelbare Hinweis aus, wenngleich bereits beim Lesen die viermalige Verwendung des Wortes „Halbinsel“ auffällt.

Auch hier gibt ein Gedicht ein Weltbild wieder, das den Betrachter verunsichert zurücklässt. Doch die Verstörung mündet diesmal nicht in einen Eskapismus, vielmehr werden Landschaft und Krieg gemeinsam Gegenstand des Textes, und der Hintergrund des Gedichtes ist ein deutlich politischer werdender, wie es der allgemeinen Tendenz der Literatur in den Sechziger Jahren entsprach.

Die ursprüngliche Idylle des Sommers ist gestört. Obwohl viele Requisiten sommerlichen Lebens genannt werden, wirkt die Atmosphäre keinesfalls unbeschwert, sondern düster: die trauernde Flöte, das bebende Espenlaub haben nichts an sich von ruhiger oder auch nachdenklicher Ausgewogenheit.

Wolfgang Weyrauch (1904 - 1980): Sommer

Ginster, gelb, aber fahl
vom November, der droht.
Jene Halbinsel schreit.
Flöte weint, weil sie trauert,
dass sie den Röhricht verließ.
Unsere arme Halbinsel.
Graue Lerchen, der Kuckuck,
der mich hinweg ruft,
zum Getümmel der Halbinsel.
Espenlaub, bebend,
in der Stille des Windes.
Halbinsel, voll von geköpftem Ginster.

 Die deskriptiven Verben der ersten vier Zeilen haben allesamt eine negative, traurige Bedeutung: „droht“, „schreit“, „weint“, „trauert“. Das Bild des Ginsters zu Beginn „gelb, aber fahl / vom November der droht“ (Z. 1 – 2) verheißt nichts Gutes; das Gelb ist in diesem Gedicht nicht die Farbe der Sonne, des Lichts, sondern eine Farbe des Todes: Mit der letzten Zeile „Halbinsel, voll von / geköpftem Ginster“ (Z.  13) wird der Kreis zum Beginn des Textes hin geschlossen.


Für Peter Huchels Naturlyrik ist ein Zusammenhang zwischen Landschaft und menschlicher Schuld ganz charakteristisch. Die Landschaft, die Zeuge eines schuldhaften Geschehens geworden ist, wird in Huchels Gedichten zum Sprechen gebracht.

Das Gedicht erschien erstmals 1962 in der Abschiedsnummer der von den Machthabern der DDR zwangsweise eingestellten Zeitschrift „Sinn und Form“, deren Herausgeber Peter Huchel war. Bereits der Titel „Winterpsalm“ lässt aufhorchen. Mit dem Wort „Psalm“ ist eine Art eindringliches Klagelied gemeint. Hier liegt kein gewohntes Naturgedicht im Sinne der Fünfziger Jahre mehr vor, sondern es wird eine Art Gerichtsszenerie geschaffen; hier wird von Mitwisserschaft gesprochen, ohne allerdings in ein allgemeines Lamento über Mitläufertum und Mittäterschaft auszubrechen. Denn es ist zwar wie gesagt eine Gerichtsszenerie, mit einem Richter und einem Zeugen, doch ohne einen Ankläger und ohne einen fassbaren Angeklagten. Nur die Zeugenschaft wird eingefordert. Das Gedicht ist also nicht aus der Perspektive der Opfer heraus geschrieben, sondern aus der Perspektive derjenigen, die überlebten, die nun gezwungen sind, vor sich selbst und vor den anderen Zeugnis abzulegen.

In einem Naturbild, nämlich der Personifikation des Windes ( „Wo nachts der Wind / Mit flacher Schulter gelegen. Seine gebrechliche Stimme [...] ) in den Zeilen 4 bis 6 wird diese Zeugenschaft auf einmal eingemahnt: „Alles Verscharrte blickt mich an. / Soll ich es heben aus dem Staub / Und zeigen dem Richter? Ich schweige. / Ich will nicht Zeuge sein.“ (Zeilen 9 bis 12).

Dieses Schweigen ist ein Ausdruck existenzieller Angst, das lyrische Ich will keine Zeugenschaft ablegen müssen und schweigt daher. Wozu aber schweigt es? Von dem schuldhaften Geschehen ist bis zu diesen Versen  nur in stark verschlüsselter ( chiffrierter ) Form  die Rede: Ein „Trugbild weißer Luft“ ( Z. 8 ) – Rauch? -  wird genannt.  Die mahnende Stimme des Windes verklingt: „Sein Flüstern erlosch, / Von keiner Flamme genährt.“ ( Z. 14 – 15 ).

Peter Huchel (1903 - 1981): Winterpsalm

Da ging ich bei träger Kälte des Himmels
Und ging hinab die Straße zum Fluss,
Sah ich die Mulde im Schnee,
Wo nachts der Wind
Mit flacher Schulter gelegen.
Seine gebrechliche Stimme,
In den erstarrten Ästen oben,
Stieß sich am Trugbild weißer Luft.
„Alles Verscharrte blickt mich an.
Soll ich es heben aus dem Staub
Und zeigen dem Richter? Ich schweige.
Ich will nicht Zeuge sein.“
Sein Flüstern erlosch,
Von keiner Flamme genährt.

Wohin du stürzt, o Seele,
Nicht weiß es die Nacht. Denn da ist nichts
Als vieler Wesen stumme Angst.
Der Zeuge tritt hervor. Es ist das Licht.
Ich stand auf der Brücke,
Allein vor der trägen Kälte des Himmels.
Atmet noch schwach,
Durch die Kehle des Schilfrohrs,
Der vereiste Fluss?

PETER HUCHELDie zweite Strophe des Gedichtes konkretisiert den Zwiespalt des lyrischen Ichs zwischen der Furcht vor der Zeugenschaft und dem Wissen, dieser Zeugenschaft doch nicht entkommen zu können. Denn es gibt einen Zeugen: „Es ist das Licht“ ( Z. 13 ). Das Bild lyrischen Ichs auf der Brücke schließt den Kreis; es naht der Moment der Entscheidung, das Ich bleibt einsam, niemand kann ihm helfen, es ist allein „vor der trägen Kälte des Himmels“ ( Z. 20 ), eine Fügung, die in fast identer Form auch den Anfang des Textes bildet. Das Ende lässt jedoch durch ein Naturbild Hoffnung auf ein Aufbrechen des seelischen Panzers aufkeimen, und zwar in der Chiffre des Flusses, der unter der dicken Eisschicht noch immer fließt: „Atmet noch schwach, / Durch die Kehle des Schilfrohrs, / Der vereiste Fluss?“ (Z. 21 – 23).

Das Gedicht „Winterpsalm“ ist dem jüdischen Literaturwissenschaftler Hans Mayer gewidmet, der wie Huchel zuerst in der DDR lebte, dann aber in die Bundesrepublik ausreiste. Seinerzeit hatten ihm die Nationalsozialisten die Staatsbürgerschaft entzogen und ihn zur Emigration gezwungen. Hans Mayer ist es auch, der die wichtige moralische Komponente dieser Art von Lyrik beschreibt, wenn er über Peter Huchel  (und über Günter Eich) sagt:

„Was beiden gelang, war die Gestaltung einer ersten Nachkriegswelt, die überschattet war von Erinnerungen an Rückzüge, Trecks, herumliegende Leichen, zerstörte Heimatstädte. [...] Weder Totenklage noch Anrufung der Nachwelt. Wohl aber Aufzeichnung von Gesehenem, wobei nicht monologische Lyrik ohne Adressaten entstehen sollte, sondern ein Dialog mit dem Leser gemeint war. Das lyrische Gebilde gedachte, Szenen und Zustände zu verzeichnen, die auch der Leser – als Zeitgenosse des Dichters – vor Augen haben musste.“
Aus: Hans Mayer: Deutsche Literatur seit Thomas Mann

 

 

Parodie

Den Abschluss dieses Kapitels soll eine Parodie auf die Naturlyrik bilden. Sie stammt aus der Feder des deutschen Autors Peter Rühmkorf (geboren 1929), der zwar der Naturlyrik an sich durchaus positiv gegenübersteht, an ihr jedoch die ab den Fünfziger Jahren grassierenden Auswüchse nicht mehr tolerieren konnte. Nie vorher hatte es laut Rühmkorfs Meinung in der deutschsprachigen Lyrik eine solche Fülle von Gräsern, Kräutern, Bäumen, Büschen, Vogelarten, Flüssen, Bächen und Seen gegeben, welche dann in uniform klingenden Wald-, Wiesen-, Berg-, Tal-, Strom- und Schleusengedichten verewigt wurden. Seine Kritik begründet der Schriftsteller so:

„Weil jener Exodus aus der Zeit, weil diese Flucht vor widerwärtig Gegenwärtigem die lyrischen Naturisten allgemach in eine ästhetische Provinz führte, wo sie sich alle die gleichen Blumen an den Hut steckten. Schließlich glichen sich die Florilegien aufs Haar, der einsame Wanderweg wurde zum Trampelpfad, die Lust an wuchernden Details führte zu Queckenbildung, [...]. Von überallher duftete es auf einen zu; kein deutscher Verseflechter, der nicht durch die Blume sprach; und unter so vielen Outsidern und Sonderlingen kaum einer mit unverwechselbarem Muster und individuellem Bukett.“
Aus : Peter Rühmkorf, Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen

 

Peter Rühmkorf: Naturlyrik (1959)

Kalmusduft kommt wild und würzig
Kraut und Rüben gleich Gedicht,
Wenn die Gruppe Siebenundvierzig [1]
Spargel sticht und Kränze flicht.

Abendland hat eingeladen
Suppengrün und Fieberklee -
Auf die Quendelbarrikaden,
Engagée, engagée!

Wenn die Abendglocken läuten,
Wenn die grüne Heide blüht, -
Lattich den Geworfenheiten,
Pfefferminze fürs Gemüt.

Weyrauch [2] duftet süß und Bender [3],
und es dämmern Laich und Eich [4].
Sachte rutscht der Abendländer
In den sanften Ententeich.


Anmerkungen:

Gruppe 47:
Von Hans Werner Richter begründete wichtige Autorengruppe, die in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten großen Einfluss auf das literarische Geschehen im deutschen Sprachraum hatte. Der Gruppe 47 gehörten z. B. an: Karl Krolow, Alfred Andersch, Walter Höllerer, Hans Magnus Enzensberger, Wolfdietrich Schnurre, Martin Walser, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich, Uwe Johnson, Walter Jens, Heinrich Böll, Günter Grass u. v. a. Auch Rühmkorf selbst war zeitweise Mitglied der Gruppe.

Informationen über die Gruppe 47 und weiterführende Links... mehr

Wolfgang Weyrauch (eigentlich: Joseph Scherer, 1904 – 1980), Mitglied der Gruppe 47, Naturlyriker

Hans Bender (geb. 1919), Lyriker

Günter Eich (1907 – 1972), einer der wichtigsten Vertreter der Naturlyrik, verheiratet mit Ilse Aichinger

 

© Mag. Brigitte Poppernitsch (BRG Spittal / Drau)
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