Hermetische Lyrik

 

 
 


Wie Orpheus spiel ich
Auf den Saiten des Lebens den Tod
Und in die Schönheit der Erde
Und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.

Aus: Ingeborg Bachmann, Dunkles zu sagen
(Die gestundete Zeit, 1957)

Die Chiffre

Theodor W. Adorno schreibt in einem Essay über die eingeschränkten Möglichkeiten moderner Autoren, nach den Gräueln der Nationalsozialisten überhaupt noch Lyrik zu schreiben:

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“

Aus: Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft (1951)

Adorno erteilt seine Absage nicht der gesamten Lyrik an sich, sondern dem „schönen“ Gedicht, das sich den Themen Faschismus und Massenvernichtung entzieht, sich also davonstiehlt. Die lyrische Sprache der Moderne ist daher oft verschlossen (hermetisch) und dunkel. Die Dichter misstrauen einer zutiefst fragwürdig gewordenen Sprache, die den NS - Führern als Mittel zur Transportation ihrer Lügen diente,  und  sie beginnen daher, die Sprache zu verschlüsseln (zu chiffrieren). Die Chiffre, das Schlüsselwort, also die absolute Metapher, wird zum zentralen Begriff der neuen Lyrik.

Am konsequentesten von allen Autoren vertritt der bereits zur Zeit des Expressionismus bekannt gewordene Arzt und Schriftsteller (und zwischen 1933 und 1935 bekennende Nationalsozialist) Gottfried Benn die Tendenz zur hermetischen, reinen Lyrik. Nur mit Hilfe der Chiffre könne der Dichter, zumindest für einen Moment, einer gänzlich sinnentleerten Welt noch Sinn geben. In dem Gedicht „Ein Wort“ aus Benns berühmtem Gedichtband „Statische Gedichte“ (1948) heißt es: „Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen / erkanntes Leben, jäher Sinn [...]“. Gottfried Benn baut sich also mit der absoluten Metapher seine eigene lyrische Welt. Mit dieser Vorgangsweise beeinflusst er zahlreiche Schriftsteller seiner Zeit nachhaltig.

Wichtige Autoren hermetischer Lyrik:

  • Ingeborg Bachmann (1926 – 1973): „Die gestundete Zeit“ (1953), „Anrufung des großen Bären“ (1956)

  • Gottfried Benn (1896 – 1956): „Statische Gedichte“ (1948)

  • Paul Celan (eigentlich Paul Ancel; 1920 - 1970) „Mohn und Gedächtnis“ (1952), „Die Niemandsrose“ (1963),  „Fadensonnen“ (1968)

  • Rose Ausländer ( 1901 - 1988 ): „Blinder Sommer“ (1965)

  • Nelly Sachs (1891 – 1970)

 

Sprachskepsis als literarische Tradition im 20. Jahrhundert

PAUL CELANDie sprachskeptische Tradition der Moderne (vgl. dazu Hugo von Hofmannsthal: „Der BrieF des Lord Chandos“, 1902) wird in der deutschsprachigen Literatur nach 1945, verursacht durch das Trauma von Auschwitz, auf eine neue Stufe gestellt. Hermetische Tendenzen in der Lyrik gab es bekanntlich schon seit dem Symbolismus; nun werden diese im  Angesicht des faschistischen Massenmordes noch intensiviert.

Daraus ergeben sich in der Lyrik der Nachkriegszeit zwei logische Konsequenzen: Die eine ist die - teils sprachmagische, teils sprachskeptische - Beschwörung der sogenannten Signatur aller Dinge (vgl. dazu die Naturlyrik nach 1945). Die andere Konsequenz ist das demonstrative Verstummen, die sprachlich artikulierte Gebärde des Schweigens. Der Holocaust wird die einzig bestimmende Wirklichkeit, die aber kaum mehr in Worte zu fassen ist – dies gilt vor allem für die Texte Paul Celans und Nelly Sachs‘, aber auch für die Gedichte Ingeborg Bachmanns, in denen die Autorin naturmagische Bilder mit dem Ausdruck existenzieller Bedrohung verbindet. Es handelt sich dabei um eine extrem verdichtete Lyrik, was zwar auf den ersten Blick den Zugang erschwert, aber um eine Lyrik, die ganz und gar nicht unkommunikativ ist.

Die Wurzel dieser Lyrik ist jedenfalls das Trauma von Auschwitz. Der ebenso wie Rose Ausländer aus Czernowitz (Ukraine) stammende Paul Celan beispielsweise hat in den Konzentrationslagern fast seine gesamte Familie verloren. Einerseits Ausdrucksnot – nämlich für diese unsagbaren Gräuel überhaupt noch Worte zu finden – und andererseits unbedingter Ausdruckszwang – das Furchtbare festzuhalten, es dem Vergessen zu entreißen – erwachsen aus dem Trauma und bedingen die komplizierte Struktur dieser Texte.

Paul Celan sagt über die Sprache seiner Gedichte:
„Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren,  ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, 'angereichert' von all dem.“

 

Das Gedicht, das fast zum Synonym geworden ist für alle Lyrik, die sich mit der NS – Zeit beschäftigen, stammt jedenfalls von Paul Celan (1920 - 70), geschrieben 1948, veröffentlicht in dem Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ (1952).


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne und er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith 

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© Mag. Brigitte Poppernitsch (BRG Spittal / Drau)
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