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Die
Chiffre
Theodor
W. Adorno schreibt in einem Essay über die eingeschränkten Möglichkeiten
moderner Autoren, nach den Gräueln der Nationalsozialisten überhaupt
noch Lyrik zu schreiben:
„Nach Auschwitz ein
Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst auch die
Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute
Gedichte zu schreiben.“
Aus:
Theodor W. Adorno: Kulturkritik und
Gesellschaft (1951) |
Adorno
erteilt seine Absage nicht der gesamten Lyrik an sich, sondern dem „schönen“
Gedicht, das sich den Themen Faschismus und Massenvernichtung entzieht,
sich also davonstiehlt. Die lyrische Sprache der Moderne ist daher oft
verschlossen (hermetisch) und dunkel. Die Dichter misstrauen einer
zutiefst fragwürdig gewordenen Sprache, die den NS - Führern als Mittel
zur Transportation ihrer Lügen diente, und sie beginnen
daher, die Sprache zu verschlüsseln (zu chiffrieren). Die Chiffre,
das Schlüsselwort, also die absolute Metapher, wird zum zentralen Begriff
der neuen Lyrik.
Am
konsequentesten von allen Autoren vertritt der bereits zur Zeit des
Expressionismus bekannt gewordene Arzt und Schriftsteller (und zwischen
1933 und 1935 bekennende Nationalsozialist) Gottfried Benn die Tendenz
zur hermetischen, reinen Lyrik. Nur mit Hilfe der Chiffre könne der
Dichter, zumindest für einen Moment, einer gänzlich sinnentleerten Welt
noch Sinn geben. In dem Gedicht „Ein Wort“ aus Benns berühmtem
Gedichtband „Statische Gedichte“ (1948) heißt es: „Ein Wort, ein
Satz -: aus Chiffren steigen / erkanntes Leben, jäher Sinn [...]“.
Gottfried Benn baut sich also mit der absoluten Metapher seine eigene
lyrische Welt. Mit dieser Vorgangsweise beeinflusst er zahlreiche
Schriftsteller seiner Zeit nachhaltig.
Wichtige
Autoren hermetischer Lyrik:
-
Ingeborg Bachmann (1926 – 1973): „Die gestundete Zeit“
(1953), „Anrufung des großen Bären“ (1956)
-
Gottfried Benn (1896 – 1956): „Statische Gedichte“ (1948)
-
Paul Celan (eigentlich Paul Ancel; 1920 - 1970) „Mohn und Gedächtnis“
(1952), „Die Niemandsrose“ (1963),
„Fadensonnen“ (1968)
-
Rose Ausländer ( 1901 - 1988 ): „Blinder Sommer“ (1965)
-
Nelly Sachs (1891 –
1970)
Sprachskepsis
als literarische Tradition im 20. Jahrhundert
Die
sprachskeptische Tradition der Moderne (vgl. dazu Hugo von Hofmannsthal:
„Der BrieF des Lord Chandos“, 1902) wird in der deutschsprachigen
Literatur nach 1945, verursacht durch das Trauma von Auschwitz, auf eine
neue Stufe gestellt. Hermetische Tendenzen in der Lyrik gab es bekanntlich
schon seit dem Symbolismus; nun werden diese im
Angesicht des faschistischen Massenmordes noch intensiviert.
Daraus
ergeben sich in der Lyrik der Nachkriegszeit zwei logische Konsequenzen:
Die eine ist die - teils sprachmagische, teils sprachskeptische - Beschwörung
der sogenannten Signatur aller Dinge (vgl. dazu die Naturlyrik nach 1945).
Die andere Konsequenz ist das demonstrative Verstummen, die sprachlich
artikulierte Gebärde des Schweigens. Der Holocaust wird die einzig
bestimmende Wirklichkeit, die aber kaum mehr in Worte zu fassen ist –
dies gilt vor allem für die Texte Paul Celans und Nelly Sachs‘, aber
auch für die Gedichte Ingeborg Bachmanns, in denen die Autorin
naturmagische Bilder mit dem Ausdruck existenzieller Bedrohung verbindet.
Es handelt sich dabei um eine extrem verdichtete Lyrik, was zwar auf den
ersten Blick den Zugang erschwert, aber um eine Lyrik, die ganz und gar
nicht unkommunikativ ist.
Die
Wurzel dieser Lyrik ist jedenfalls das Trauma von Auschwitz. Der ebenso
wie Rose Ausländer aus Czernowitz (Ukraine) stammende Paul Celan
beispielsweise hat in den Konzentrationslagern fast seine gesamte Familie
verloren. Einerseits Ausdrucksnot – nämlich für diese unsagbaren Gräuel
überhaupt noch Worte zu finden – und andererseits unbedingter
Ausdruckszwang – das Furchtbare festzuhalten, es dem Vergessen zu entreißen
– erwachsen aus dem Trauma und bedingen die komplizierte Struktur dieser
Texte.
Paul
Celan sagt über die Sprache seiner Gedichte:
„Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine:
die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem.
Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten,
hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch tausend
Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her
für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch
und durfte wieder zutage treten, 'angereichert' von all dem.“
Das
Gedicht, das fast zum Synonym geworden ist für alle Lyrik, die sich mit
der NS – Zeit beschäftigen, stammt jedenfalls von Paul Celan (1920
- 70), geschrieben 1948, veröffentlicht in dem Gedichtband „Mohn und
Gedächtnis“ (1952).
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Schwarze
Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
und er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze
Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng
Er
ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und
spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind
blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum
Tanz auf
Schwarze
Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er
ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in
die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze
Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister
aus Deutschland
dein
goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith |
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