ERICH FRIED (BIOGRAFIE)

Erich Fried wurde 1921 als Sohn jüdischer Eltern, eines Spediteurs und einer Graphikerin, geboren und wuchs im 9. Wiener Gemeindebezirk in der Alserbachstraße auf. Wie dreißig Jahre vor ihm Stefan Zweig besuchte er nach der Volksschule das Gymnasium in der Wasagasse, das er nach dem Anschluss von 1938 – und nach der Verhaftung seiner Eltern – verlassen musste, immerhin mit einem Abgangszeugnis.

Der Vater starb an den Folgen eines Verhörs durch die Gestapo noch im Mai 1938, Mutter und Sohn emigrierten wenig später über Belgien nach Großbritannien. Erich Fried fasste rasch in der literarischen Exilszene Fuß, politisch in Nähe der KPÖ, schrieb Gedichte und machte die Bekanntschaft des Autors Theodor Kramer. Während der Enkel erste Gedichte und Einakter veröffentlichte, starb seine Großmutter 1942 in Auschwitz (Auschwitz - Birkenau - Homesite / kurze, sachliche Informationen und Bildmaterial in engl. Sprache oder shoa.de / umfangreiche, äußerst informative Seite in deutscher Sprache).

Der junge Autor heiratete 1944 Maria Marburg zwei Monate vor der Geburt von Sohn Hans, ein Jahr später folgte sein viel beachteter Gedichtband "Österreich", wieder ein Jahr darauf die Trennung von seiner Frau. Die Töne der Gedichte schwankten zwischen Volkslied und aktivistischem Spätexpressionismus, zeigten aber manchmal schon die verblüffende, sprachspielerische Knappheit späterer Phasen.

Bei allem strikt antifaschistischem Engagement verstieg sich Fried nie in die Kollektivschuldthese ("Alle Deutschen sind Verbrecher!"). Er schrieb weiter, arbeitete als Laborant und als Kommentator der BBC, rezensierte Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung" und lernte Ingeborg Bachmann kennen. 1952 heiratete er Nan Spencer-Eichner, sein Gedichtszyklus "Zur Zeit der Kriege" aus dem gleichen Jahr verwies damals schon auf eines der zentralen Themen seines literarischen und existentiellen Engagements.

1958 kam Sohn David, 1961 Tochter Katherine auf die Welt, ein Jahr später verließ Nan Fried ihren Ehemann. Dass Erich Fried erst dann zum ersten Mal seit seiner Flucht von 1938 wieder nach Wien kam, indiziert die Schwere des Traumas der politischen Verfolgung durch die Nazis. 1965 heiratete er wieder, dieses Mal Catherine Boswell,.

Langsam begann man auch in Österreich, Fried stärker wahrzunehmen, ihn zu lesen und aufzuführen und sich der Idee seiner Wiedereinbürgerung zu nähern. Der Schriftsteller ließ sich jedoch im Gegenzug nicht einfach vereinnahmen, positionierte sich auch angesichts des Vietnamkrieges gegen das Establishment (siehe Links zur Geschichte des Vietnamkrieges). Wie Heinrich Böll ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum") bemühte sich Fried erfolgreich, das Umlügen der Wirklichkeit durch die Medien mit literarischen Mitteln – etwa mit dem des "gestischen Sprechens" - drastisch zum Vorschein zu bringen:

Aus Da Nang

Wurde fünf Tage hindurch
Täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse.

Am sechsten Tage wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
In Da Nang
Bisher etwa tausend Opfer.

Frieds Gedicht "Höre Israel", kritisch gegen den israelischen Sechstagekrieg, löste breite politische Debatten aus. Immer stärker wurde Fried – nach wie vor mit Londoner Hauptwohnsitz - in der Folge zur Figur des (junggebliebenen) kritischen "Alten" unter den österreichischen Schriftstellern und spätestens in den 80er Jahren zur Symbolfigur der Friedensbewegung.

Wer Fried vorwirft, phasenweise auch mit der RAF (Baader-Meinhof-Gruppe) sympathisiert und sie mythisierend – die DDR blieb ein "blinder Fleck" - in eine Tradition von Nicht-Angepasstheit zu stellen, sollte sich bewusst sein, dass dies in einer geschichtlichen Phase erfolgte, in der die westlichen deutschsprachigen Staaten insgesamt noch große, wenn auch unterschiedliche Defizite in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit aufzuweisen hatten. Dazu schien manches für eine neuerliche Beschädigung der Demokratie in der aktuellen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland zu sprechen.

Fried erkrankte an Krebs, wurde mehrfach operiert, aber in vielen Reden, die im Ton eher monoton, in Inhalt und Bildlichkeit freilich ungeheuer kräftig waren, war er endgültig zu einer – vielleicht "der" – Ikone des Widerstands geworden, deutlich über den Kreis von literarisch Interessierten hinaus zu einem Idol für große Teile der gesellschaftsbewussten Jugend. Prompt führte die Verleihung des "Großen Österreichischen Staatspreises für Verdienste um die österreichische Kultur im Ausland" ab Ende 1985 zu einer intensiven mehrmonatigen (kultur-)politischen Debatte.

Fried schrieb literarische Texte und dachte laut nach: über die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, über Kurt Waldheim, über Krieg, Rüstungswettlauf und Frieden, über den Zusammenhang von Arbeiterbewegung und Kultur und über Österreich im allgemeinen. 1978 stellte er unter dem Titel "Gedichte ohne Vaterland" eine Gedichtauswahl als Selbstporträt zusammen. Im Jahr darauf machte er sich, für viele überraschend, in den Quartheften bei Wagenbach mit seinen Liebesgedichte in einer neuen Facette sichtbar und fand damit Leser und Anerkennung weit über die Linke hinaus.

Fried blieb jedoch auch nach den Liebesgedichten ein Poet des "Sowohl-als-auch", politisch und privat denkender, fühlender und schreibender Mensch, und regredierte nicht wie andere Autoren eskapistisch in eine "neue Innerlichkeit".

Erich Fried – ein österreichischer Bert Brecht? - starb am 22. November 1988 in Baden-Baden an Herzversagen. Die Totenfeiern in London und in Wien versammelten umfassend Prominenz, darunter den Verleger Klaus Wagenbach und den deutschen Innenminister Otto Schily. Frieds umfangreicher Nachlass befindet sich im Österreichischen Literaturarchiv an der Wiener Nationalbibliothek: Er birgt mit hoher Wahrscheinlichkeit noch die ein oder andere literarische und politische Sensation!

© Univ.-Prof. Dr. Klaus Zelewitz (Universität Salzburg)

 

LINKS ZU ERICH FRIED...
 

Zur Geschichte des Vietnamkrieges... mehr

Rote Armee Fraktion: Die private Seite informiert umfassend über die RAF ("Rote Armee Fraktion"), besser bekannt unter der Bezeichnung "Baader-Meinhof-Gruppe". Beim Studium ist eine kritische Sichtweise angebracht... mehr

Reinhard Mohr, Revolutionäres Gewäsch: Bislang unbekannte Briefe von Ulrike Meinhof dokumentieren ihren Bruch mit der bürgerlichen Welt. Erschienen 1996 in "Der Spiegel", 33/1996... mehr

 

 
Erich Fried, und VIETNAM und
© zitiert nach Wagenbach, 1989

 

Unbestätigte Gerüchte

Angenommen
die chinesischen Kommunisten
beschlössen China zu sichern
durch Einverleibung Vietnams
auch wenn dessen Bewohner
ihrem großen nordöstlichen Nachbarn
seit alters nicht näherstehen
als etwa die Polen den Russen

Sie müßten zuerst nur erreichen
daß westliche Truppen
in Vietnam so hausen
wie richtige Weiße Teufel
Dann sähen die Vietnamesen
trotz all ihrer alten Bedenken
endlich in China
den Schutz vor der Weißen Gefahr

Seit den letzten Erfolgen
der amerikanischen Truppen
und Ratgeber in Vietnam
im Süden und weiter nördlich
kursieren Gerüchte
daß in Moskau Gerüchte kursieren
das Weiße Haus sei
gekauft von Mao Tse-Tung

 

Antiquitätenladen in Saigon

Durchbrochene Elfenbeinkugeln
geschnitzt noch im alten Annam

umschließen kleinere Kugeln
die wieder Kugeln umschließen

alle vielfach durchbrochen
und frei beweglich

ineinander geschnitten
in mühsamer Arbeit

aus einem Stück
ohne erkennbaren Zweck

Auch der Krieg in Vietnam
ist vielfach durchbrochen

und durch die Löcher
bestaunt man kleinere Kriege

umschlossen vom großen
im Inneren frei beweglich

und hört sie rasseln
alle von Menschenhänden

in mühsamer Arbeit geschnitten
aus einem Stück

 

Erich Fried, Es ist was es ist
© zitiert nach Wagenbach, 1990

 

Nur nicht

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

 

 

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

 

Realitätsprinzip

Die Menschen lieben
das heißt die Wirklichkeit hassen.
Wer lieben kann
der kann alles lieben
nur sie nicht

Die Wahrheit lieben?
Vielleicht.
Erkennen kann Lieben sein.
Aber nicht die Wirklichkeit:
Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit

Was wäre das
für eine Welt
wenn die Wirklichkeit
diese Wirklichkeit rund um uns
auch die Wahrheit wäre?

Die Welt vor dieser
Wirklichkeit retten wollen.
Die Welt wie sie sein könnte lieben:
Die Wirklichkeit
aberkennen