Alltagslyrik

 

 
 
Die Siebziger Jahre: Alltagslyrik und neue Subjektivität

Wir waren ruhig
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße nach Süden.

Aus: Wolf Wondratschek, In den Autos (1976)

In der Lyrik der Siebziger Jahre treten das Ich und die subjektive Wahrnehmung der alltäglichen Gegebenheiten in den Vordergrund: als sogenannte „Alltagslyrik“ oder Lyrik der „Neuen Subjektivität“. Diese Strömung ist nur zum Teil als Reaktion auf die Studentenrevolte 1968 zu verstehen. Denn das Programm dieser bereits 1967 treffend als Alltagslyrik bezeichneten Dichtung entstand bereits zwischen 1965 bis 1968 und richtete sich vor allem gegen die Lyrik der Nachkriegszeit und weniger gegen die engagierte politische Dichtung der Sechziger Jahre (Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger).

Autoren der „Neuen Subjektivität“:

  • Nicolas Born (1937 – 1979): „Marktlage“ (1967)

  • Wolf Wondratschek (geb. 1943): „Das leichte Lachen am Ohr des anderen“ (1976)                     

  • Rolf Dieter Brinkmann (1940 – 1975): „Piloten“ (1968), „Gras“ (1970), „Westwärts 1& 2“ (1975)
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Nicolas Born proklamierte in seinem ersten Gedichtband „Marktlage“ (1967) das, was sich dann in den Siebziger Jahren als „poetischer Alltagsrealismus“ durchsetzte: die „rohe unartifizielle Formulierung“. Born forderte eine Sprache, die sich von sämtlichen traditionellen Metaphern, Symbolen und sonstigen lyrischen Stilmitteln befreien müsse, um dem Schriftsteller einen unmittelbaren Zugriff auf die alltägliche Lebenswelt zu ermöglichen. Gefordert waren eine neue Natürlichkeit, ein Über-Bord-Werfen aller künstlichen Gesten und Hemmungen und ein Ende der weihevollen Mystifikation der dichterischen Person.

Rolf Dieter Brinkmann beispielsweise fand die Vorbilder für seine Lyrik bei unkoventionellen amerikanischen Autoren (Charles Bukowski, Frank O'Hara, William Seward Burroughs). Das Gedicht müsse sich laut Brinkmanns Ansicht öffnen für eine filmische Montagetechnik, ebenso für Pop und Werbung:

„Ich bin keineswegs der gängigen Ansicht, dass das Gedicht heute nur noch ein Abfallprodukt sein kann, wenn es auch meiner Ansicht nach nur das an Material aufnehmen kann, was wirklich alltäglich abfällt. Ich denke, dass das Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfasste Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als ,snap-shot‘ festzuhalten.“
Aus : Rolf Dieter Brinkmann, Piloten (1968)

Der Schnappschuss, die Alltagsnotiz, die unmittelbare Momentaufnahme prägen jedenfalls vorrangig die Lyrik der Siebziger Jahre insgesamt. Das betont Unartifizielle in Sprache und Thema dieser neuen Lyrik richtete sich in erster Linie gegen die Sprachmagie unter dem Einfluss Gottfried Benns. Das dunkle lyrische Sprechen in Rätseln, Chiffren, Aussparungen und Andeutungen ist nunmehr verpönt. Es gilt einfach zu erzählen, was es im gewöhnlichen Alltag alles zu sehen und zu empfinden gibt, und dass dieser Alltag – wenn er sensibel wahrgenommen wird – durchaus auch verstörend sein kann.

Nicolas Born (1937 – 1979): Horror, Dienstag

 

Die ruhenden
flüchtig überteerten Straßenbahnschienen –
wieder ein Warten auf alte Zeiten
wie Rückkehr zum Handschriftlichen

Plötzlicher Regen, es ist Nachmittag
nur wenig Licht gesammelt in Gesichtern
nieselnde Gräue, die Felder nah
dunkle Wassergräben, Bäume stehen tief

Nasser Kragen nasse Lippen
Kind mit nassen Zöpfen führt alten Mann

Zementsilos neben dem Abstellgleis
Vogelschwärme Banner sinken
Verkäuferin winkt durch die Glaswand ab

Neuer Stadtrand flackert auf um sechs
ich denke an fern ausgesetzte „Inseln des Gehirns“

Baukräne, zementhelle Öde
Blick in die aufsteigende Welt
die nun doch nicht überlebt hat

 

© Mag. Brigitte Poppernitsch (BRG Spittal / Drau)

 

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