DER RINGTHEATERBRAND
Einleitung
Ringtheater
(Bild auf der Titelseite des Extrablattes 1881)
"Kaum waren wir aus der engen Gasse, in der ich wohnte, in die Währingerstraße gekommen, so merkten wir, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse. Es waren mehr Menschen auf der Straße als gewöhnlich, die rasch immer in einer Richtung gegen den Ring sich bewegten. Und nun sahen wir den glutroten Schein am Himmel. Die Leute riefen: Es brennt, es brennt! `Komm schnell', sagte Fritzi. Und wieder rannten Leute an uns vorbei, und sie schrien: `Das Ringtheater brennt. ...´", schreibt Arthur Schnitzler in seiner Erzählung "Fritzi". Der Ringtheaterbrand hat nicht nur die Bevölkerung Wiens geschockt und jahrelang beschäftigt, er wurde auch immer wieder literarisch verarbeitet. Doch noch ist es nicht soweit. Kehren wir in die Entstehungszeit der Bühne zurück!
Nur zwei Jahre nach der Eröffnung des Stadttheaters (des heutigen Ronacher) entstand an der Ringstraße mit der heutigen Adresse Schottenring 7 - 9 eine weitere Bühne. Sie wurde als Komische Oper eröffnet, bald aber nur mehr Ringtheater genannt. Und das mit Recht, da sie sich - zunächst als Ergänzung zum Spielplan der Hofoper entstanden - immer mehr zum Sprechtheater entwickelte!
In der Nähe befanden sich zahlreiche Baustellen, da ja die Ringstraße erst im Entstehen war. Gearbeitet wurde am Rathaus und an der Universität. Die Votivkirche konnte 1879, die Börse - schräg gegenüber - 1877 eröffnet werden. Ecke Währingerstraße - Maria Theresienstraße stand seit 1861 das provisorische Abgeordnetenhaus, da das Parlament an der Ringstraße noch in Bau war. Unter Bezugnahme auf den damaligen Ministerpräsidenten Schmerling hieß das Gebäude im Volksmund "Schmerlingtheater", wodurch sich allerdings keine Berechtigung zur Aufnahme in die Wiener Theatergeschichte ableiten läßt. Die Abgeordneten übersiedelten 1873 in den Theophil Hansen - Bau. Ein Jahr später war auch die Komische Oper vollendet - und das unter den unglücklichsten Vorzeichen!
Wir wollen uns aber in diesem Zusammenhang nicht sosehr auf so manche
Schauergeschichte, die in der Bevölkerung erzählt wurde, beziehen. An dieser Stelle
hatte sich nämlich in Vorzeiten das Haus des Scharfrichters befunden, außerdem waren
dort im Revolutionsjahr 1848 einige Freiheitskämpfer füsiliert worden. Nein, nicht böse
Geister lasteten auf dem Haus, finanzielle Probleme waren es, die noch vor Baubeginn
auftraten und nie zur Gänze bereinigt werden konnten.
Entstehungsgeschichte
1872 brachten ein Kommunalpolitiker, ein Anwalt und der Direktor der
Transportversicherungs AG ein Ansuchen auf Erteilung einer Konzession für ein Theater am
Schottenring mit dem Namen "Wiener Actien Theater" ein. Einige Wochen später
bildete sich das Proponentenkommitee um. Anstelle des Anwaltes trat der adelige k. k.
Kämmerer Albrecht Graf Wickenburg. Das Theater sollte nun den Namen "Komische
Oper" tragen, was im Vergleich zur ursprünglichen Bezeichnung zweifelsohne einen
Fortschritt darstellte. Die Bühne wurde nach Entwürfen des Architekten Förster erbaut
und am 17. 1. 1874 mit Rossinis "Barbier von Sevilla" und mit großer
Schuldenlast eröffnet. Bereits im Mai hatte sich die Situation derart verschlechtert,
daß Kaiser Franz Joseph einen Kredit von 200.000 Gulden aus dem Stadterweiterungsfond
gewähren mußte, um den Bestand der Komischen Oper zu sichern. Dennoch wurde sie für
kurze Zeit geschlossen und in der Folge von den Gründern nicht mehr in Eigenregie
geführt, sondern verpachtet. Keiner der Direktoren, die bis 1881 agierten, brachte es auf
vollständige Direktionszeiten, alle traten vorzeitig aus finanziellen Gründen zurück;
das Theater war oft für kurze Zeit geschlossen.
Spielplan
Anfänglich spielte man Werke, die dem Charakter der "Komischen Oper" entsprachen: "Das Nachtlager von Granada", "Zar und Zimmermann", "Der Barbier von Sevilla", "Martha", "Fra Diavolo", "Der Waffenschmied", "Die lustigen Weiber von Windsor", "Der Postillon von Lonjumeau" - kurz, die Palette der leichteren Opernliteratur, die - zumindest zum damaligen Zeitpunkt - von der Hofoper nicht aufgeführt wurde. Als die finanziellen Probleme keiner Lösung zugeführt werden konnten, ging man zu einem gemischten Spielplan über: leichte Opern, Operetten u. a. von Offenbach und Suppe, Ballette und Gastspiele v. a. ausländischer Schauspieler bzw. Schauspielgruppen. Als finanziell günstig erwies sich, daß man ab 1875 dem Volksstück einen festen Platz zusicherte. Stücke Langers, Gottslebens und Nestroys erfreuten sich großen Zuspruchs. In diesem Zusammenhang ist auch auf die "Spektakel-Inszenierungen" hinzuweisen, die - ohne intellektuellen Anspruch - mit optischen Effekten arbeiteten und überaus beliebt waren, etwa die "Große Spektakel-Feerie mit Gesang und Tanz, Einzügen, lebenden Tableaux ..." oder "Heute und vor 50 Jahren. Dramatische Guckkastenbilder aus Wiens Vergangenheit mit Gesang". Häufig wurde auch das seit der Biedermeierzeit bestehende Interesse der Bevölkerung an fremden Ländern ausgenützt: "Egyptische Wüstenlandschaft mit dem See des ewigen Lichts - Apistempel mit Zauberschlosse - Schloßruine mit Winterlandschaft - ...".
Ein Querschnitt durch die Spielpläne von 1874 bis 1881 zeigt neben Opern, Operetten und Balletten häufig Shakespeare ("Ein Sommernachtstraum", "Ein Wintermärchen", "Julius Cäsar"), Schiller ("Wilhelm Tell", "Die Räuber"), Kleist ("Die Herrmannsschlacht", "Das Käthchen von Heilbronn", "Prinz Friedrich von Homburg"), Grillparzer oder etwa Volksstücke von Nestroy und Anzengruber.
Um den Mangel an Stars innerhalb des Ringtheater-Ensembles wettzumachen, arrangierte man häufig Gastspiele, von denen einige besonders erwähnenswert sind. Allen voran ist das "Meining'sche Hoftheater" zu nennen. Dieses Ensemble unter der Leitung des Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen galt als Mustertheater. Man war bemüht, den malerischen Historismus auf die Bühne zu übertragen. Größtmögliche historische Treue - deutlich erkennbar an den Kostümen und am Bühnenbild, das auf gemalte Kulissen zugunsten plastischer Entwürfe verzichtete - und Authenzität des Textes waren die wichtigsten Merkmale der "Meininger", die 1879 auch am Ringtheater zu sehen waren. Ihre Bedeutung ging so weit, daß Egon Friedell sie in seine Kulturgeschichte der Neuzeit aufnahm. Als Stars wurden Hofburgtheaterschauspieler, aber auch die berühmte Operndiva Adelina Patti und die nicht minder populäre Sarah Bernhardt aufgeboten. Besonderes Aufsehen erregte 1879 die Dramatisierung von Beecher-Stowes Roman "Onkel Toms Hütte" in einer Aufführung von "Jarret und Palmer's amerikanischer Negergesellschaft". Eine Spielplangestaltung dieser Art macht plausibel, warum der Name des Theaters unter der Direktion Völkel - Strampfer zu Ende der siebziger Jahre endgültig in "Ringtheater" geändert worden war.
Das Geschwisterpaar - von 1878 - 1881 im Amt - konnte die längste Direktionszeit
aufweisen. Strampfer hatte von 1871 - 75 das nach ihm benannte Theater in den Tuchlauben
geführt, das wir noch einer eingehenden Betrachtung unterziehen werden. Die Leitung des
Ringtheaters übernahm er gemeinsam mit seiner Schwester. Oben erwähnte Gastspiele sowie
Programme mit Varietecharakter verhalfen dem Duo zu ausreichenden Erfolgen, bis Anfang
1881 eine Verschlechterung des Geschäftsganges eintrat. Die Nachfolge trat ein erfahrener
Theatermann, Franz Jauner, an. Sein prominenter Dramaturg war Ludwig Ganghofer,
der als Dichter von Romanen und Theaterstücken im volkstümlichen Stil schon mehrfach von
sich reden gemacht hatte. Sein auch heute noch bekannter "Herrgottschnitzer von
Ammergau" hatte am 14. November im Ringtheater Premiere - die letzte im Bereich des
Sprechtheaters vor der Brandkatastrophe, die von ihm in seiner Autobiographie
"Lebenslauf eines Optimisten" eindrucksvoll geschildert wurde. Jauner eröffnete
seine Direktionszeit am 1. Oktober, nachdem -. und darauf wird er im Ringtheaterprozeß
immer wieder hinweisen - die Bühne vorher auf seine Kosten eingehend renoviert worden
war.
Ringtheaterbrand
Wir haben bereits von der Entstehung des Theaters gesprochen, von den finanziellen Schwierigkeiten und von der Spielplangestaltung. Was das Ringtheater jedoch bis heute zu einem weithin bekannten Begriff hat werden lassen, während etwa das Stadt- und das Kaitheater größtenteils in Vergessenheit geraten sind, ist der Brand, der es in Schutt und Asche gelegt und über 400 Todesopfer gefordert hat. Wie war es dazu gekommen?
Am 7. Dezember 1881 fand die Wiener Uraufführung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" statt. Jauner hatte Offenbach und das Stück in Paris, wo es am 10. Feber 1881 uraufgeführt worden war, kennengelernt und die Rechte für Wien erworben. Wie das Soufflierbuch beweist, war der heute populäre Giulietta-Akt nicht gezeigt worden. Die erste Reprise sollte am 8. Dezember erfolgen. Am Vormittag dieses Tages fand eine Matinee zugunsten der "Unterstützungs-Societät der Polizeibeamten Wiens für ihre Witwen und Waisen" statt. "Es mutet gespenstisch an", schreibt Franz Patzer im Katalog zur Ausstellung "Alles gerettet! 100 Jahre Ringtheaterbrand", "daß es wenige Stunden nach dieser letzten regulär beendeten Vorstellung im Ringtheater durch Mitverschulden der Polizei deutlich mehr Witwen und Waisen gab als davor." Und am Abend sollte die 1. Reprise der Oper "Hoffmanns Erzählungen" folgen ... Von dieser letzten - allerdings nicht mehr zustande gekommenen Vorstellung des Ringtheaters - existiert in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek noch das Plakat mit dem handschriftlichen Vermerk eines Zeitgenossen, es rühre von der "Facade des Ringtheaters her, wo es an der Seite des Portals noch bis zum 14. Dezember d. J. befestigt war."
Das Haus war ausverkauft. Eine der letzten Vorbereitungen war das Entzünden der Gasbeleuchtung im Bereich der Soffitten. Es handelte sich um 5 Beleuchtungskästen, in denen sich jeweils 48 Leuchtgasbrenner befanden. Das Entzünden geschah auf pneumatisch-elektrischem Weg; eine Erfindung des Maschinenmeisters des Wiener Hofburgtheaters, Barrot; der Anzünde-Apparat versagte jedoch an diesem Abend, das ausströmende Gas explodierte beim zweiten Zündversuch. Das Feuer griff sofort auf die 30 Prospektzüge, anschließend auf den Rest der Bühne und letzten Endes auf den Zuschauerraum über. Und nun zeigten sich noch deutlicher als drei Jahre später beim Brand des Stadttheaters Mängel, Schlamperei und Unzulänglichkeiten, die größtenteils bereits unmittelbar am Tag nach der Katastrophe erkennbar waren. Folgerichtig erhebt das "Neue Wiener Tagblatt" schwere Anklage: "Wie ist es möglich, wie ist es gekommen, daß erst nach zwanzig, vielleicht sogar erst nach dreißig und fünfunddreißig Minuten, nachdem der Brand im Ringtheater ausgebrochen war, daran gedacht worden ist, daß Menschenleben noch gerettet werden könnten; daß erst nach Ablauf einer unter solchen Umständen bedeutenden Zeit die ersten Versuche gemacht worden sind, Rettung den im vorderen Theile des Gebäudes etwa befindlichen Personen zu bringen?"
Einen besonders guten Einblick erhält man durch das Fernsehspiel "Alles gerettet. Der Ringtheaterprozeß", das Carl Merz und Helmut Qualtinger in den sechziger Jahren als "Anatomie einer Katastrophe" schrieben. Es spielt während des Prozesses 1882 im Schwurgerichtssaal. Ca. 40 % des Textes sind nach dem Verfasser des Vorwortes, dem Regisseur Oscar Fritz Schuh, protokollarisch festgehaltene Äußerungen der Originalzeugen. Angeklagt waren u. a. der Wiener Bürgermeister Newald und der Direktor des Ringtheaters Jauner. Newald wurde freigesprochen, Jauner erhielt 4 Monate Arrest; die weiteren sechs Angeklagten wurden ebenfalls zu Freiheitsstrafen verurteilt.
Die im Laufe des Prozesses zu Tage gekommenen Fakten lassen sich in Kürze folgendermaßen darstellen: Als tragisch erwies sich zum einen das Fehlen eines Eisernen Vorhanges, zum anderen, daß eine Seitentür im Bühnenbereich geöffnet wurde. Dadurch entstand Zugluft, die das Feuer weiter entfachte. Die Gasbeleuchtung war mittlerweile vom zuständigen Beleuchtungsinspektor abgeschaltet worden, die Notbeleuchtung aus Öllampen hatte man nach einer einige Wochen vorher durchgeführten Reparatur nicht wieder montiert. Die Feuerwehrbeamten waren schon seit der Geburtsstunde des Ringtheaters zusätzlich als Bühnenarbeiter eingesetzt worden, wie der Brandbeauftragte der Anfangsjahre, Toscano del Banner, in seinem im Selbstverlag 1884 erschienenen Buch berichtet. Auch damals hatte man die Öllampen aus Geldmangel oft nur gefüllt, wenn durchdrang, daß die "Assecuranz" zur Inspektion erschien. Und außerdem! Warum kam der Herrgott auf den Gedanken, gerade den Wienern so etwas anzutun? "... Jeden Abend haben die Flammen aus die Kästen aussi g'schlagen - so hoch, wann mir s' anzunden haben. Die Leut haben scho g'wart drauf ... [...] ... Ah! G'lacht haben's! Mir haben jeden Abend dasselbe g'macht. Und immer hat der Herrgott seine Hand überm Theater g'halten. Das hat ja ka Mensch wissen können, daß er grad uns Wiener amal im Stich laßt..." So lautet die Aussage des Bühnenarbeiters Schagerl - zumindest bei Merz und Qualtinger. Aber wenn man die Situation ein wenig kennt, weiß man, daß die dümmsten Aussagen im Ringtheater-Prozeß die wahrsten sind.
Zu allem Unglück waren die Ausgangstüren nur nach innen zu öffnen, sodaß durch den Druck der in der Dunkelheit in Panik nachströmenden Menschen ein Entkommen unmöglich war. Am Höhepunkt der Katastrophe wiesen Polizisten, die vor dem Eingang im Vestibül standen, Retter mit dem Hinweis, daß sich niemand mehr im Theater befinde, da ja niemand mehr herauskomme, ab. Die berühmt gewordene Meldung "Alles gerettet!" erfolgte zu einem Zeitpunkt, zu dem man noch viele der Eingeschlossenen retten hätte können - eine Tatsache, die im Ringtheaterprozeß bewiesen werden konnte.
Wirkungsvoller und dramatischer läßt diese Ereignisse Arthur Schnitzler seine Fritzi aus der bereits erwähnten gleichnamigen Erzählung schildern: "... um mich herum war ein schauerlicher, ungeheurer Lärm, als stürzte alles zusammen; und es heulte wie ein Sturm durch den Raum, und vor die rote Glut legte sich grauer, dunkler Rauch. Plötzlich kam ein gewaltiger Ruck nach einer bestimmten Richtung. Mit einem Mal war es dunkel, und ich konnte mich nicht rühren. Um mich herum wurde geflucht und gejammert. Ja, auch ich schrie mit einem Male auf, ich weiß, daß ich ein paar Sekunden lang schrie und dabei kaum begriff, warum. Und plötzlich spürte ich an meinem Halse Nägel, Krallen. Irgendwer klammerte sich an mich. ..."
Vermutlich waren bis zu 448 Tote zu beklagen. Darunter befand sich im übrigen auch Ladislaus Vetsera, der Bruder der in Mayerling von Kronprinz Rudolf erschossenen Mary Vetsera. Die Leichen wurden noch in der Katastrophennacht in den Hof des Allgemeinen Krankenhauses gebracht. Eine Durchsicht der in der Presse veröffentlichten Vermißtenlisten läßt erkennen, daß das Publikum ein beinahe naturgetreues Abbild der Wiener Bevölkerung darstellte. Vom Dienstmädchen über Büroangestellte und Kaufleute bis zu Akademikern waren nahezu alle Berufsgruppen vertreten. Außerdem dürften sich auffallend viele jüngere Menschen im Theater befunden haben. Die meisten der Vermißten sind 30 Jahre und jünger, sogar 13- und 14jährige scheinen auf.
In einer Kundmachung des Magistrats wurde die Bevölkerung zur Agnostizierung
aufgefordert. Mit einer "Eintrittskarte" konnte man die Leichen
"besichtigen", was viele Schaulustige unter dem Vorwand, einen Angehörigen zu
suchen, auch taten. Der Kopf eines Verbrannten befindet sich als makabres
Ausstellungsstück noch heute im Kriminalmuseum in der Leopoldstadt. Totenscheine wurden
einzig und allein in eindeutigen Fällen ausgestellt. Eine Identifizierung war jedoch nur
in rund 250 Fällen möglich. Daraus ergaben sich für Angehörige Probleme bei
Erbschaftsangelegenheiten und Wiederverehelichung. Schließlich mußte 1883 das
"Ringtheatergesetz ... zum Zwecke der Todeserklärung und der Beweisführung des
Todes" Abhilfe schaffen. Die von den Angehörigen nicht abgeholten Wertsachen kamen
1913, also erst 32 Jahre nach dem Brand, im Dorotheum zur Versteigerung. 126 elternlosen
Kindern wurden Waisenassoziationen zugeteilt. Jedes Kind erhielt 6000 Gulden, was gerade
die Mädchen unter ihnen als Ironie des Schicksals zu einer "guten Partie"
machte ...
Folgen
In umittelbarer Folge der Tragödie wurden die Theaterbauvorschriften überarbeitet. Der Einbau eines Eisernen Vorhangs wurde Pflicht. Die neuen feuerpolizeilichen Bestimmungen gingen jedoch zum Teil bereits auf die Schockwirkung des Brandes des Opernhauses in Nizza am 23. März 1881 zurück. Unmittelbar danach wurden die Wiener Bühnen überprüft, Notausgänge mußten gekennzeichnet werden, die Notbeleuchtung, die im Ringtheater dennoch nicht einsatzbereit war, wurde verpflichtend vorgeschrieben.
Kurz nach der Katastrophe am Schottenring, am 23. Dezember, wurde das Burgtheater für Adaptierungsarbeiten geschlossen. Das alte Haus am Michaelerplatz war durch die überaltete, verwinkelte Bauweise besonders "katastrophenanfällig". Fred Hennings schreibt in seinem Band "Zweimal Burgtheater": "Eine geradezu unvorstellbare architektonische Flickschusterei hatte sich in dem vom Burgtheater beherrschten Teil der Hofburg etabliert. ... Neben den völlig unzulänglichen Zu- und Abgängen für das Publikum war die Unterbringung der höchst feuergefährlichen Theatergerätschaften für die verantwortlichen Stellen ein Gegenstand ewiger Sorge." Aus diesem Grund wurden nach dem Ringtheaterbrand an den Außenseiten eiserne Notstiegen angebracht, die aus allen Stockwerken nach unten führten. Glücklicherweise konnten die sieben Jahre bis zur Eröffnung des neuen Hauses am (damaligen) Franzensring ohne Schaden überstanden werden.
Und schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß - unter dem Eindruck der Katastrophe - bereits am 9. Dezember die ersten Gespräche zur Gründung einer "Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft" geführt wurden. Als ersten Präsidenten nominierte man den Grafen Lamezan, der während des Ringtheaterbrandes die wirkungsvollsten und engagiertesten Rettungsaktionen durchgeführt hatte.
Kaiser Franz Joseph ließ, um seiner Anteilnahme "an dem traurigen Schicksale der bei dem Brande des Ringtheaters Verunglückten einen dauernden Ausdruck zu verleihen", an der Stelle des Unglücks aus seinen Privatmitteln von Friedrich Schmidt, dem Architekten des Rathauses, den "Sühnhof" errichten, in dem sich auch eine Gedächtniskapelle befand. Die Einweihung erfolgte 1886; es fanden sich jedoch lange Zeit keine Mieter. Schließlich bezog der Architekt selbst eine Wohnung. Ihm folgten Sigmund Freud, Graf Schmerling und Viktor Silberer; der uns in einem späteren Kapitel als Erbauer des Annenhofes in der Annagasse 3 noch einmal begegnen wird. 1945 wurde der Sühnhof durch einen Bombenangriff zerstört. Heute befindet sich an dieser Stelle die Bundespolizeidirektion, an deren Vorderfront eine Gedächtnistafel angebracht ist.