SCHRIFTKULTUR DES MITTELALTERS

 


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Das Mittelalter ist für die Entwicklung der Schrift von besonderer Bedeutung. Erkenntnisse des Orients dringen nach Rom vor. In das Zeilenbild der geometrischen Geraden dringt die Kurve ein, der weiche Bogen, der dem Zeilenband etwas Fortschwingendes gibt. Besonders deutlich zeigt sich der Formenwandel bei den Buchstaben D, E, M und N. Der Schriftkörper wird voller, bewegter und dynamischer. Obwohl auch diese   Unziale noch eine reine Großbuchstabenschrift ist, ist sie nicht mehr Monumentalschrift, sondern ausgesprochene Buchschrift, die dem Beschreibstoff Pergament und der Federführung der Hand besser angepaßt ist als ihre Vorläufer Capitalis und Rustika. Noch eine andere Neuerung, die für die Weiterentwicklung der Schrift- und Buchkunst wichtig ist, zeigt sich in den frühen Unzialmanuskripten. Ein Beispiel für die LUKASGLOSSAR (UNZIALE)Unziale wären die St. Pauler Lukasglossen aus dem Bestand des Klosters St. Blasien. Die Schrift ist eine Unziale (Siehe Beispiel links!) aus der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert. Um 800 wurde vermutlich auf der Reichenau die Eintragung der althochdeutschen Glossen vorgenommen, womit wir eines der ältesten deutschen Schriftdenkmäler überhaupt besitzen. Das Pergamentblatt wurde im 14. Jahrhundert dem Ambrosiuscodex (St. Paul 1/1) als Vorsatzblatt beigebunden. Erst im Zuge der Neukatalogisierung der St. Pauler Handschriften wurde es wiederum herausgelöst und der Fragmentenreihe zugeordnet. Begnügt sich der Mensch bis zu dieser Zeit damit, die Schrift in ihrer zweckgebundenen Form anzuwenden, so stellt sich nun auch hier ein Schmuckbedürfnis ein. Der Schriftschmuck, der später in so reichem und vornehmem Maße gepflegt wird, nimmt seinen Anfang.

Nicht lange nach der Entstehung der Unziale, in der Zeit, da die Kultur des oströmischen Reiches ihren Höhepunkt erreicht, wandeln sich ihre Formen unter dem Einfluß der römischen Kursive zur Halbunziale, einer Schrift, die durch stark ausgeprägte Ober- und Unterlängen bereits den Charakter ein ausgesprochenen Kleinbuchstaben- oder Minuskelschrift zeigt. Eine ganze Reihe der heutigen  Antiqua-Kleinbuchstaben sind in diesen Minuskeln bereits vorgebildet, so vor allem die eigenartige Form des G, die geschlossenen A und E, die Buchstaben B, D, U und das R mit dem breiten Schulterstrich. Mit diesen neuartigen Buchstabenformen ist sie die letzte Vorstufe für die Kleinbuchstabenschrift. Die Halbunziale kennt keine  Versalien. An ihre Stelle treten Unzialbuchstaben.

In der Zeit vom 6. bis zum 8. Jahrhundert entstehen recht unterschiedliche Regionalschriften oder besser vorkarolingische Minuskeln, die oft fälschlich als Nationalschriften bezeichnet werden. Eine kalligraphisch vollendete und beispielhafte Form erhält die Halbunziale in Irland. Sie zählt zu den schönsten frühen europäischen Buchschriften. Die irische Halbunziale zeichnet sich durch ihre dreieckigen, scharfkantigen Köpfe an allen Oberlängen und an einigen Buchstaben aus. Auch die sogenannten   Ligaturen    und Abbreviaturen    sind charakteristische Eigenheiten. Das runde S wird durchgehend verwendet. Durch    Klostergründungen in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Norditalien ist die irische Halbunziale weit verbreitet, so daß sie als eine der bedeutendsten Buchschriften der vorkarolingischen Zeit gelten kann. Das Stiftsarchiv St. Paul besitzt diesbezüglich eine äußerst interessante Handschrift, die aus dem Bestand des Klosters St. Blasien stammt: das sogenannte Reichenauer Schulheft. Dieses Manuskript ist eine Sammelhandschrift und stammt mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem 9. Jahrhundert. Der Text dieses kleinen Heftes zeigt eine insulare Schrift in ihrer letzten Entwicklungsstufe, wie sie vor allem von Mönchen aus dem insularen Bereich auf das Festland gebracht wurde. Die Handschrift ist besonders durch die Zusammenstellung ihrer Texte von Bedeutung und enthält auch irische Gedichte.

Ähnlich wichtig ist die irische Buchornamentik, die die gesamte Buchkunst des westlichen Abendlandes entscheidend beeinflußt. Gleichzeitig entstehen im 8. Jahrhundert die angelsächsische Halbunziale und die angelsächsische Spitzschrift. Bei beiden Schriftarten herrschen große Oberlängen und nach unten spitz zulaufende Unterlängen vor. Im Gegensatz zur irischen Halbunziale, die sich als bodenständige Nationalschrift nahezu unverändert bis in die Gegenwart erhalten hat, wird die angelsächsische Schrift bereits um das Jahr 1066, nach der normannischen Eroberung, durch die kontinentale   karolingische Minuskel verdrängt.

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts, in jener politisch bewegten Zeit, in der die Herrschaft der Karolinger beginnt, in der sich auf kirchlichem, verwaltungspolitischem und kulturellem Gebiet grundlegende Reformen anbahnen, vollzieht sich auch in der Schrift eine bedeutende Wandlung. Angesichts der unzähligen Regionalschriften, der verstärkten Unordnung im Schriftbild, der Eigenmächtigkeit der Schreiber und der dadurch erschwerten Lesbarkeit, verbreitet sich immer mehr das Bedürfnis, die Minuskel zu reformieren und ein allgmeinverbindliches Alphabet zu schaffen. So finden sich zu Beginn des 9. Jahrhunderts auf fränkischem Boden die überraschend fertigen Buchstabenformen der Karolinger Minuskel, die den Urtyp der heutigen Kleinbuchstaben darstellen. Schreibgeübte Mönche geben ihr jene Gestalt, die in klarem, harmonischem Bild die Sprache des christlichen Abendlandes bewahrt und weitergibt. Die Karolinger Minuskel wurzelt in der altrömischen Halbunziale und in den Verfallsformen der spätrömischen Kursive, auch in den unmittelbar vorausgegangenen Minuskelformen. Da sie mit ihren rundlichen, unverbundenen, nebeneinanderstehenden Buchstaben vorherrschend die romanische Stilform der abendländischen Schrift verkörpert, wird sie auch romanische Minuskel NEUES TESTAMENT (MINUSKEL), 13. JHDT.genannt.   In der Karolinger Minuskel, die dank einer verbesserten Federhaltung durch viele gerundete Formen schnell und bequem zu schreiben ist, sind fast alle Kleinbuchstaben des heutigen Alphabets durchgebildet. Einzige Ausnahme bildet die Ligatur ST. Beim Wortausgang wird das runde S verwendet. Ober- und Unterlängen, die in ausgewogenem Verhältnis zu den Hauptkörpern der Schrift stehen, prägen das Wortbild und verbessern die Lesbarkeit. Der Leser erfaßt nicht mehr Einzellaute, sondern Silben als Klangeinheiten des gesprochenen Wortes. Der lebendige Sprachklang wird aus dem Schriftbild ersichtlich. Dies ist der geistig-schöpferische Gedanke der europäisch-germanischen Schriftform.

Das Bild zeigt eine Bibelhandschrift aus dem 13. Jahrhundert (Schrifttype: Minuskel; Quelle: Online - Bibelmuseum). Die  Webseite des Bibelmuseums enthält  weiteres Bildmaterial, u. a. auch  eine Seite der 1. Gesamtausgabe der Bibelübersetzung Luthers. Durch Anklicken des Bildes kann  eine vergrößerte Darstellung erreicht werden.

MINUSKELVon der Karolinger Minuskel, die sich bis ins 11. Jahrhundert in drei Entwicklungsstufen im gesamten westeuropäischen Raum als Gemeinschrift durchsetzt, stammen alle weiteren Schriftformen des Abendlandes ab: die gebrochene Schrift, die sogenannte gotische Schrift (Siehe Beispiel links!)  und ihre Nachfolger, Schwabacher und Fraktur ebenso die lateinische Schrift oder Antiqua. Die Spaltung vollzieht sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Die Minuskel macht den entscheidenden Stilwandel zur Gotik mit. Zeit und Zeitgeist bestimmen die neuen Buchstabenformen, die parallel zu dem emporstrebenden Spitzbogenstil in Nordfrankreich entstehen und dort ihre vollendete Ausbildung erhalten. In der Folge werden nun alle bisher geraden und gerundeten Formen zunehmend steiler aufgerichtet und eckig gebrochen, die Senkrechten werden steif und spitz. Der Übergang von der romanischen Schrift zur Bruchschrift, der gotischen Minuskel, ist damit vollzogen.

 


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