DIE
WANDERVOGELBEWEGUNG
DES AUSGEHENDEN 19. JAHRHUNDERTS
Die Verwirklichung jugendlicher Sehnsüchte
Der Wandervogel und die "Körperseele"
Die Wandervogelideologien in den Gedichten und Liedern der Romantik
Um die Wende des 19. Jahrhunderts versuchte eine geistige Bewegung die Selbstständigkeit ihrer Altersstufe gegenüber einer dem Wesen des jugendlichen Alters nicht Rechnung tragenden Bevormundung durch die Erwachsenenwelt geltend zu machen. Ihr erster Ausdruck war die Wandervogelbewegung. [...]
Die Idee des Wanderns als Ergebnis grundlegender struktureller Veränderungen
War um 1800 die beherrschende Wirtschaftsform Deutschlands noch die Landwirtschaft, so hatte sich 80 Jahre später der Agrarstaat zum Industriestaat gewandelt. Parallel dazu erfolgte auch eine Wandlung des politischen Bildes vom in Kleinstaaten zerrissenen Land, das jeglichen Zugriffen ohnmächtig gegenüberstand, zu dem von Bismarck 70 Jahre später geschaffenen Reich, das auf dem Weg zur Weltmacht war.
Diese Veränderungen bewirkten auch einen Strukturwandel auf geistigem Gebiet, von dem die Bevölkerung, vornehmlich in den Städten, erfaßt wurde und der sich in der bürgerlichen Jugend fortsetzte. Im Gegensatz zur Arbeiterjugend war diese nicht mit der Sorge um das tägliche Brot konfrontiert, sondern widmete sich den Studien in den verschiedenen Schulen, deren beliebteste das humanistische Gymnasium war, das bis zur Jahrhundertwende in Deutschland noch immer den einzigen Weg darstellte, um die Berechtigung zu einem Studium zu erlangen.
Bereits im letzten Jahrzehnt des ausgehenden 19. Jahrhunderts besann man sich des Freiheitsgedankens, den J. J. Rousseau als den "natürlichen Zustand des Menschen" definierte und den man als die "Befreiung des Kindes" interpretierte. Derart waren in der Jugend der höheren Schulen Ansätze erkennbar, die über Tanzstunden, Trinkgelage und Feste hinaus nach tieferen Gehalten suchten. Diese versuchte man in einer engeren Beziehung zur Literatur zu finden, die Welt sozusagen literarisch zu erfassen, was jedoch bald wieder verworfen wurde, zumal die Sehnsüchte der aufbrechenden Jugend dadurch nicht gestillt werden konnten.
Erst Karl Fischer, Schüler am Gymnasium in Berlin-Steglitz , sprach mit der Idee des Wandervogels das aus, was in vielen Herzen schlummerte: die Erkenntnis, daß man in der Großstadt verkommen müsse, und den Wunsch nach einer neuen Gemeinschaft ohne Aufsicht von Schule bzw. Elternhaus, in der man die Möglichkeit hatte, ein eigenes Leben zu führen. [...]
Die Verwirklichung jugendlicher Sehnsüchte im Wandervogel
Marienbad, eine typische Sommerfrische |
Der oben angesprochene Wunsch der Jugend nach einem eigenen, durch die bekannten Institutionen unkontrollierten Leben bildete mit einen Grund für die enorme Verbreitung der Bewegung, deren wesentlichste Intention die Wanderung war. Diese manifestierte sich bereits 1890 in einer von Generalkonsul Herman Hoffmann-Fölkersamb als Schlüsselerlebnis bezeichneten Deutschstunde bei der Lektüre "Reise zu Fuß" ...: "Plötzlich ein Faustschlag unseres Professors Sträter auf das Pult. Jungens! Was seid ihr für Schlafmützen! Was ihr da hört, ist euch wohl ganz egal! Als wir Jungen waren, da sparten wir unsere Groschen zusammen, und zu Pfingsten oder in den großen Ferien da ging das Wandern los. Aber ihr? Ihr räkelt euch lieber in den Ferien in irgendeiner Sommerfrische herum!" |
In diesem Ausspruch des Deutschlehrers liegt das eigentliche Wesen des Wandervogels, dessen äußere Grundlagen und dessen Zweck in einem Bericht an das Kulturministerium vom November 1904 wie folgt formuliert wurden: "Zweck dieser Vereinigung ist, in der Jugend die Wanderlust zu pflegen, die Mußestunden durch gemeinsame Ausflüge nutzbringend und erfreulich auszufüllen, den Sinn für die Natur zu wecken, zur Kenntnis unserer deutschen Heimat anzuleiten, den Willen und die Selbständigkeit der Wanderer zu stählen, kameradschaftlichen Geiste zu pflegen, allen Schädlingen des Leibes und der Seele entgegenzuwirken, die in und um unseren Großstädten die Jugend bedrohen, als da sind Stubenhockerei und Müßiggang, die Gefahren des Alkohols und Nikotins - um von Schlimmerem zu schweigen." Zeigt diese Formulierung auch eine Fülle von Forderungen auf, die im Zusammenhang mit der Wandervogelbewegung auftraten und die im Folgenden ihrem Stellenwert für das Reisen entsprechend noch näher betrachtet werden sollen, so darf dabei das Hauptkriterium, das Wandern, nicht außer Acht gelassen werden, auch wenn es sich dabei um eine ungewöhnliche Form, gemessen an den gut organisierten und vernünftig geführten Wandervereinen für Jugendliche, handelte.
Die ersten Wandervögel wollten nichts weiter, als ihre Jugendfreiheit uneingeschränkt bei fröhlichem Wander- und Lagerleben genießen. Hauptkriterium war dabei die Uneingeschränktheit herkömmlicher Zwänge. Auf den Fahrten wollte man nichts verspüren von all dem Druck, mit dem zuhause Erziehung und Schule die Eigenschaften der Jugend trübten und zunichte machten. Es handelte sich dabei um eine Form des Protestes gegen die materialistische Zivilisation, um eine Opposition gegen den Lebensstil der Elterngeneration, deren Antrieb nicht soziale oder politische Mißstände bildeten, sondern die im verantwortungslosen Umgang der Industriegesellschaft mit der Umwelt ebenso wie in dem auf wirtschaftlichem Erfolg ausgelegten Streben der bürgerlichen Gesellschaft zu suchen war. Die Richtung des Ausbruchversuches, die der Wandervogel einschlug, führte deshalb hinaus aus der Stadt in die Natur, weg vom Orte der Leidensursache, in die von der "Großstadtkrankheit" noch nicht befallene Sphäre einer heilen Welt. Über den Genuß frischer Luft hinaus versprach sich die Jugend eine Heilung von ihren Zivilisationskrankheiten.
Eine dieser "Institutionen", die dem jugendlichen
Streben und Wesen entgegenwirkte und gegen die sich auch der Protest des Wandervogels
richtete, stellte die oben erwähnte, bis dato gepflogene bürgerliche Art zu reisen dar.
[...] "Die bürgerliche Art zu reisen war ja nur Naturbesichtigung. Man nahm, wenn
man zur Ferienzeit in die bekannten Orte der See oder des Gebirges zog, soviel wie
möglich von dem gewohnten Hausrat mit in Koffern, und was nicht mitgeschleppt werden
konnte, bot das Hotel. Dadurch kommt es nie zu einer vollen Loslösung, und die Natur
konnte ihr eigenes Wort nicht sprechen. Das aber vernimmt nur, wer nachts allein im Walde
schläft. Fischer ließ nur den Rucksack übrig und verpönte das Hotel als standeswidrig.
So wurde aus Besichtigung ein Ergreifen, und zwar war es die Natur, die den ersten Griff
tat, nicht der Tourist; und erst dadurch wurde dieser zum Wanderer."
1896 veranstaltete Hoffmann die erste eintägige Wanderung in den Grunewald (Berlin), die man als Geburtsstunde der Wandervogelbewegung ansehen kann. In der sich im Laufe der folgenden Wanderungen abzeichnenden Organisation gab es bereits sehr früh schriftliche Satzungen, die sehr deutlich die Unterordnung unter die Führer klarlegte: Neben dem Oberhäuptling Hoffmann gab es bei großen Fahrten einen zweiten Häuptling, den Hoffmann im oben genannten Karl Fischer fand. Weiters wurde geregelt, daß die erprobten Wanderer Wanderburschen, die Neulinge Wanderfüchse genannt wurden, ... Die Aufnahme des Neulings erfolgte mittels Aufnahmerituals durch Handschlag nach Fürsprache zweier Zeugen, wobei der Aufnahmewerber Respekt, Treue und Gehorsam geloben mußte.
Das wesentlichste Kriterium des Wandervogels bestand in einer Wanderung, die mitunter mehrere Tage dauern konnte. Dabei fanden die jugendlichen Wanderer Verpflegung durch eigenständiges Kochen und übernachteten im Freien, in Zelten oder in Scheunen. Während er auf diese Weise Geld sparte, wurde der Jugendliche für ein eventuell späteres Soldatendasein durch das Leben in der Natur vorbereitet und durch die Unbilden des Wetters abgehärtet, um auch im bürgerlichen Leben besser zu bestehen. [...]
Doch weshalb biederten sich die Wandervögel mit den Landstreichern an und übemahmen deren Spracheigentümlichkeiten? Warum trug man rote Halstücher und eine Feder oder Speckschwarte am Hut? Weshalb suchte der Wandervogel sich seine Ziele in urigen Landschaften und Einöden, an Stelle der Landschafts- und Naturschönheiten, wie sie der Baedecker empfahl, den Vorzug zu geben? Und warum letztlich pflegte man gerade in dieser Vereinigung das Liedergut auf derart traditionsgebundene Weise mittels alter Instrumente wie Laute und Gitarre?
Eine Antwort läßt sich aus Karl Fischers Überlegungen ersehen, der in den Schülerfahrten eine große propagandistische Idee sah: "Die Großstadt verschandelt die Jugend, verbildet Triebe, entfremdet sie immer mehr einer natürlichen, harmonischen Lebensweise. Aus den großen Häusermeeren steigt das neue Ideal: Erlöse dich selbst, ergreife den Wanderstab und suche da draußen den Menschen wieder, den du verloren hast, den einfachen, schlichten, natürlichen."
Ein wesentlicher Bestandteil des Wandervogeldaseins bestand im Erfahren des Erlebten in Gemeinschaft. Hier wanderte nicht ein einzelner, wie dies bei der Gesellenwanderung mitunter der Fall war, sondern die Gemeinschaft der Wandervögel erlebte einerseits ein gleichmachendes Grunderlebnis, andererseits einen Ausbruch aus bestehenden Konventionen und Gesellschaftsnormen der Elterngeneration. [...]
Der Wandervogel und die "Körperseele"
Um die Jahrhundertwende machte sich nicht nur eine Konzentration der Wissenschaft, Kultur und Politik bemerkbar, sondern auch ein völlig neues Bewußtsein für das Bewegen, hervorgerufen durch die Jugendbewegung, führte zur Hinwendung zum eigenen Körper. Dieses neue Körpergefühl wurde durch das Wandern, den elementarsten Bestandteil des Wandervogels, zum Ausdruck gebracht, indem man die verstaubten Klassenräumlichkeiten und deren muffige Atmosphäre hinter sich ließ und die "vergeistigte Gesellschaft" gegen die Natur eintauschte.
Aus diesem neuen Körpergefühl resultierte auch eine neue Art von Erotik, die der Geisteswissenschaftler und Pädagoge Gustav Wyneken als aus "jener Steigerung des Körpergefühls, jener erhöhten Körperbejahung, jener Körperfreudigkeit" bestehend empfand. Diese neue Sicht stand den enormen Beschränkungen erotischen Erlebens wie Geschlechtertrennung in den Schulen oder Säuberungen von "anzüglichen Stellen" in den Texten der klassischen Antike gegenüber. Auch fand man diese Polarität in der Erziehung der Mädchen, die einerseits zur Sittsamkeit angehalten wurden, andererseits mittels Korsett und Schnürleib auf ihre körperlichen Vorzüge aufmerksam machen sollten, um sich einen Mann zu angeln. Die Wandervogelkultur führte aus diesem Dilemma, indem man das Körperliche mit Geist und Kultur verband und somit der Trennung der Geschlechter entgegensteuerte, die Mädchen integrierte, jedoch unter Ausklammerung der Sexualität.
Diese Einstellung kam auch 1913 in der Versammlung auf dem Hohen Meißner zutage, wo man nicht nur die Familie in Frage stellte, indem man sie durch die Gemeinschaft und Kameradschaft ersetzt wissen wollte, sondern sie auch auf die Aufzucht von Kindern reduziert ansah. Besonders interessant erscheint diese männliche Betrachtungsweise, zumal ab etwa 1905 Mädchen als Wandervogelgruppen auftraten, sich als Kollektiv auf Wanderschaft begaben und mit ihrer gesellschaftlichen Rolle und sozialen Position kritisch auseinandersetzten, einer Stellung, die man hier augenscheinlich vernachlässigt hatte. [...] ... aus der Angst als schwächlich und feminin zu gelten, resultierte ein Teil des oben angesprochenen Bildes einer Körperkultur, bei der die Grenzen klar und rein gezeichnet waren und deshalb nie in irgendeiner Weise verwischt werden konnten. Dieses Bild wurde durch Gruppen- an Stelle von Paartänzen einerseits und durch vermehrten Sport, Spiele und körperliche Ertüchtigung, die vom Sexualtrieb ablenken sollten, andererseits verstärkt, wobei die Reinheit trotz gemeinsamer Wanderungen und Übernachtungen hochgehalten wurde.
Diese Körperkultur der Jugend, die man mit Sitte und Moral eng in Zusammenhang brachte, wurde auch durch den Kleidungskult, die "unbürgerliche Wandervogelkluft", zur Schau getragen. Einerseits erforderte das Wandern eine besondere Art von Kleidung, die zweckentsprechend sein mußte, andererseits sollte dadurch ein Pendant zur Schuluniform beziehungsweise zur üblichen gutbürgerlichen Kleidung geschaffen werden. Entgegen dem bürgerlichen Outfit mit Stehkragen, langer Hose und Hut trug der Wandervogel Kniebundhosen mit langen Stutzen und ersetzte den Regenschirm durch die Pelerine. Der Rucksack ersetzte den Tornister und den Kopf zierte die Wandervogelmütze aus grünem Tuch mit roten und goldenen Streifen. Derart kann man darin auch einen Protest gegenüber dem bürgerlichen Milieu sehen, wenn der Sohn des Hauses mit Lodenmantel und lustiger Mütze oder die Tochter mit Feder am Hut, Rucksack und Gitarre an Stelle von Handschuhen, Regenschirmchen und Handtasche ausging. [...]
Besonders die Mädchen legten großen Wert auf klare Linien in ihrer Kleidung, die für sie Ausdruck ihres Selbst war, indem sie forderten: "... wir deutschen Frauen haben uns freigemacht vom jahrhundertelangen Sklavendienst der unnatürlichen häßlichen Ausgeburten französischer Phantasie, die sich Pariser Mode nennt. Deutsch wollen wir sein, frei, edel und rein auch in unserer Kleidung."
Jedoch nicht nur in der Kleidung brachte man das neue Körpergefühl zum Ausdruck, auch in einer gesunden Lebensart sollte sich dieses Gefühl widerspiegeln. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg wurde die Debatte um die Frage einer Alkohol- bzw. Tabakenthaltsamkeit immer heftiger diskutiert, wodurch es zu einer Spaltung im Wandervogel kam, zumal die Frage des Alkohols ebensowenig geklärt werden konnte wie die Abstinenz anderer Genußmittel. Die radikalen Reformer verlangten völlige Enthaltsamkeit nicht nur von Alkohol und Nikotin, sondern auch von Fleisch und Kaffee, die sie als Gifte der Gesellschaft anprangerten. Der jugendliche Körper sollte, war er durch derartige Genußmittel verseucht, von diesen durch Abstinenz "entgiftet" und gereinigt werden, um seine natürlichen Aufgaben besser wahrnehmen zu können.
Als Erfolg der Alkoholdiskussion kann man 1914 die erste alkoholfreie Kaisergeburtstagsfeier in Berlin bezeichnen, die den Auftakt zum absoluten Abstinenzbekenntnis des Wandervogels bildete, zugleich aber zur oben erwähnten Spaltung beitrug.
Die Wandervogelideologien in den Gedichten und Liedern der Romantik
Die Gedichte und Lieder, die die Wandervogelbewegung
sich zu eigen machte, stammten nahezu alle aus der Romantik. Von ihr, die die
Schönheiten der Natur pries und gegen deren Versklavung durch die Industriegesellschaft
protestierte, stammte die Wanderideologie, die in vielen Gedichten, aber auch Liedern
manifestiert wurde. Besonders die Werke des Spätromantikers Eichendorff waren es, die in
ihrem Tenor dem Wandervogelleben aus der Seele sprachen. Eichendorff verstand es, die
Wanderromantik durch das Motiv der Sehnsucht nach der Ferne als Lebensgefühl in seinen
Texten zu präsentieren, mit dem sich der Jugendliche sehr leicht identifizieren konnte.
Als Paradebeispiel sei hier das Werk "Aus dem Leben eines Taugenichts" genannt,
die Geschichte des Müllersohnes, den die Sehnsucht in die weite Welt treibt, dort sein
Glück zu machen, und dem dies nach einer Unzahl von bestandenen Abenteuern auch gelingt,
indem er die Angebetete heiratet. Eichendorff, der den Protagonisten mit einer Geige
auszustatten wußte, der singend und spielend durch die Lande zog, konnte, indem er diese
Figur schuf, nicht ahnen, dadurch einer beinahe hundert Jahre später existierenden
Jugendbewegung ein Leitbild zu geben. In diese Novelle, die Eichendorff in bewußt naivem
Ton gestaltete, hat er einige seiner schönsten Gedichte eingestreut, die - zum Teil
vertont - das Wandervogelleben bereicherten:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Tal und Strom und Feld.
Besonders beliebt waren auch die Lieder "Wer in die Fremde will wandern", "Wenn ich ein Vöglein wär" und "Schweigt der Menschen laute Lust". Sie alle fanden Einzug in das Wandervogelrepertoire und wurden zum Teil in den Liederbüchern oder später in den Liederblättern publiziert. [...]
Worin lag jedoch, abgesehen vom Wandervorbild, der Zauber für die Jugend in Eichendorffs Werken? Weshalb hatte man gerade die Werke dieses Vertreters der Spätromantik gewählt? Die Antwort liegt wohl einerseits im romantischen Stimmungsgehalt, andererseits in der Doppelgesichtigkeit, die man sehr deutlich anhand einer Sequenz seines biographischen Werkes "Erlebtes" erkennt: "Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander, wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physignomie gefaßt, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden hat."
Die Zweibildlichkeit tritt hier besonders deutlich durch die dem Autor eigene Darstellung der Herabsetzung der Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen durch die Technik zutage, außerdem stellt er diese in krassen Gegensatz zu den romantischen Naturmotivperspektiven wie Wandern, Mondnacht, Waldeseinsamkeit, liebliche Täler, Brunnenrauschen und Abendstille. Gerade in dieser Gegensätzlichkeit von industriellem Zeitalter und dem in der Romantik sehr häufig gezeichneten "locus amoenus", dem damit im Zusammenhang stehenden Abrücken von Ersterem und der Hinwendung zur Natur, die Teile der Ideen der Wandervogelbewegung waren, kann man die Vorliebe für den Autor sehen. Zudem spricht Eichendorff mehrmals in direkter Weise dem Wandervogel aus der Seele, wenn er meint:
Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur vom Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.
Vergleicht man die oben erwähnte Darstellung der Ideen des Wandervogels, wie sie Karl Fischer propagierte, so stellt man völlige Übereinstimmung mit Eichendorffs Versen fest: Der wahre Weg führt hinaus in die Natur. [...]
Die Wanderung in den Tod - Der Wandervogel und der Krieg
"Der schwere Kampf, der unserem Volke aufgezwungen worden ist, hat in unseren Reihen den stärksten Widerhall gefunden. Die Wandervögel, deren ganzes Streben ja darauf gerichtet ist, deutsches Wesen sich zu eigen zu machen und durch die Art ihres Wanderns mit dem Lande, dessen Söhne sie sich stolz nennen, immer inniger zu verwachsen, sind in Scharen zu den Fahnen geeilt."
Anhand dieser kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges verfaßten Zeilen eines Wandervogelvorsitzenden kann man bereits die Stellung gegenüber Krieg und Vernichtung erkennen, die die Bewegung einnahm. Zwar herrschte beim Wandervogel kein derart militanter Drill, wie dies beispielsweise bei den Pfadfindern oder dem Jungdeutschlandbund der Fall war, nichtsdestotrotz war die Bewegung durch Schule und Elternhaus patriotischen Beeinflussungen unterworfen, die sich in ihr bemerkbar machten. Nicht zu leugnen ist auch eine gewisse Vorbereitung auf den Krieg durch die auf den Wanderungen geübte körperliche und geistige Ertüchtigung, ebenso wie man in der Zeit vor dem Krieg Tendenzen der Verharmlosung bzw. Verherrlichung desselben erkennen konnte. Dies äußerte sich in Kriegsspielen, in Fahrten zu berühmten Schlachtfeldern der Geschichte, vor allem jedoch in erwähnten, akribisch gesammelten und oft gesungenen Kriegsliedern.
Die Motivation zum Kampf schöpfte der Wandervogel als Vertreter des deutschen Bildungsbürgertums aus der Ansicht, hier an einem Kreuzzug der deutschen Kultur gegen die westliche Dekadenz teilzunehmen. Wie realitätsblind die Bewegung in den Ersten Weltkrieg ging, zeigt sich deutlich im Vorwort, das Hans Breuer 1915 der Kriegsausgabe seines Wandervogelliedes "Zupfgeigenhansl" vorangestellt hatte: "Der Krieg hat dem Wandervogel recht gegeben, hat seine tiefe nationale Grundidee gelöst von allem Beiwerk stark und licht in unsere Mitte gestellt. Wir müssen immer deutscher werden. Wandern ist der deutscheste aller angebotenen Triebe, ist unser Grundwesen, ist der Spiegel unseres Nationalcharakters überhaupt. Und nun laßt Euch nicht irre machen! Jetzt erst recht gewandert! Erwandert euch, was deutsch ist!"
Jedoch was erwanderten sich die aus dem sozial abgeschirmten Milieu des Bildungsbürgertums stammenden kriegsfreiwilligen Wandervögel wirklich? Waren Vaterland und Heldentod auf ruhmreichen Schlachtfeldern nicht eher durch Begriffe wie "Menschenschlachthaus" und "Massenmord" zu ersetzen? Wie ruhmreich deutsch war die Wanderung der "Vögel" tatsächlich durch Europas Schlachtfelder?
Antwort auf die Verherrlichung des Todes im Krieg finden wir anhand des Rückblickes eines kriegsteilnehmenden Wandervogels: "Aber es ist mit der Todesgefahr doch anders, als man vorher dachte. Man stirbt nicht mit Begeisterung. Man sang nur vorher mit Begeisterung: Kein schönrer Tod ist in der Welt, als wer vom Feind erschlagen. ... Nun aber, wenn die blauen Bohnen um einen herum pfeifen, dann denkt jeder, nur mich soll es nicht treffen, nur mich nicht oder nur diesmal nicht."
Entgegen der Realität, wie sie hier dargestellt wurde, empfand die Wandervogelbewegung das Sendungsbewußtsein und den Wehrgedanken derart stark, daß es kaum einem aufzufallen schien, daß das deutsche Heer zur Verteidigung des Vaterlandes in fremde Länder eindrang und diese verwüstete. Indem die Gefallenenlisten immer länger und länger wurden, hatte sich allerdings eine übergangslose Wandlung des Wandervogels vollzogen: aus den heeren Kriegern des Lichtes, die die Landstraßen und die Natur bevölkerten, waren im Zuge der realitäsfernen Kriegsbegeisterung stumpfe, gewappnete Krieger des Kaisers geworden, die im dumpfen Gleichschritt über die Schlachtfelder Europas torkelten, um ein Vaterland zu verteidigen, das sie für seine Bodenideologie verheizte. [...]
Das Ende des alten Wandervogels nach dem Ersten Weltkrieg war nicht das Ende der Jugendbewegung, sondern lebte in der bündischen Jugend, das heißt in der späteren deutschen Jugendbewegung bis 1933 fort. Der Umbruch zu diesem Zeitpunkt schloß mit der alten Form ab, und die Hitler-Jugend wurde als "Staatsjugend" Trägerin und Gestalterin der neuen Zeit, während die Wandervogelgruppen in Deutschland und Österreich aufgelöst wurden. [...]
Aus: Günter Hrabec, Beispiele jugendlicher Reiseformen in der Zeit vom 17. Jahrhundert bis hin zur Wende des 20. Jahrhunderts (leicht bearbeitet und gekürzt)