DAS ROLLENBILD DER FRAU
IM 19. JHDT.


Brockhaus-Zitate

Kommentar

Männerurteile des 19. Jhdts.


FRAU

"... Die Repräsentanten der Sitte, der Liebe, der Scham, des unmittelbaren Gefühls, wie die Männer die Repräsentanten des Gesetzes, der Pflicht, der Ehre und des Gedankens; jene vertreten vorzugsweise das Familienleben, diese vorzugsweise das öffentliche und Geschäftsleben. Diesem Inhalt entspricht auch die Form; das Weib strebt nach Zierlichkeit, Anständigkeit und Schönheit; der Mann nach Fülle, Tiefe und praktischer Zweckmäßigkeit. Wie die Religion und die Lyrik dem Weibe, so sind die Philosophie und die Epik dem Manne zumeist entsprechend; jenes empfindet, dieser erkennt das Richtige; der Mann ist stark im Handeln, Mittheilen und Befruchten, das Weib im Dulden, Empfangen und Gebären. Stärke verlangt überall der Mann, Anmuth das Weib. ...



Für das consequente logische Denken des Mannes hat das Weib sein instinctartiges, orakelhaftes und ahnungsvolles Auffassen zum Ersatz. Der Mann war stets in der Staats- und Religionsschöpfung, in der Philosophie, in Kunst und Wissenschaft productiv, neugestaltend und maßgebend; das Weib nahm an seinen Entwicklungen mehr nur aufnehmend und mitempfindend Theil; und so viele Frauen sich auch bisher mit den Künsten und Wissenschaften beschäftigt haben, so blieben sie, aphoristisch wie sie im Ganzen sind, doch immer nur Dilettantinnen ..."



Brockhaus 1852

 


EMANCIPATION

"Emancipation der Frauen ward von denen gefordert, welche in den Schranken, mit denen Naturverhältnisse, Sitte und gesellschaftliche Einrichtungen das weibliche Geschlecht umgeben, ein Unrecht sehen und diese weggeschafft wissen wollen. Emancipierte Weiber sind demnach solche, die in ihrem Denken, Empfinden und Handeln jene Schranken nicht mehr achten."

Brockhaus 1852

Die Aussagen der Brockhaus - Zitate sind nicht nur typisch für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert. Sie reichen in ihrem Kern weit in das Mittelalter zurück und werden - grundsätzlich - auch im fortschrittlichen Zeitalter der Aufklärung keiner Änderung unterzogen. Die einzige Veränderung bezieht sich auf den Teilbereich der Sexualität. Seit dem Mittelalter sprach man von der vermeintlichen unersättlichen Begierde der Frau. Das 18. Jahrhundert spricht ihr zwar weiterhin die Attribute "Sexualität" und "Begierde" zu, "domestiziert" sie allerdings gleichzeitig: Sexualität wurde nun als zerstörerisches Element empfunden und daher aus dem gesellschaftlichen Leben (offiziell) verbannt. Auf Kosten einer Doppelmoral sowie einer sich in psychosomatischen Krankheiten und Hysterien äußernden Fehlentwicklung wird die sexuell-moralische Reinheit der Familie propagiert.

Sogar die Begründer und Entwickler der Aufklärung des 18. Jahrhunderts schlossen die Frauen weitgehend aus der Öffentlichkeit aus, obwohl sie grundsätzlich das Menschenrecht der Gleichberechtigung forderten! Die Befürworter der Selbstbesinnung auf die Ratio begründeten ihre Entscheidung mit der Behauptung, Frauen seien den Männern gerade im Bereich der Vernunft und im ethischen Urteilsvermögen unterlegen, eine Tendenz, die noch zur Jahrhundertwende von nur wenigen Männern durchbrochen wurde. Als eines der ganz wenigen Beispiele könnte Theodor Herzl angeführt werden, der für seinen Judenstaat die Gleichberechtigung von Mann und Frau forderte. Dem Durchschnittsmann sprachen hingegen der Leipziger Arzt Dr. Möbius mit seinem Werk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" sowie der Münchner Anatom Prof. Bischoff, der Frauen aufgrund ihres geringeren Gehirnvolumens zum Studium völlig ungeeignet betrachtete, aus der Seele.

Eine kleine Auswahl soll die Diskriminierung weiblicher Ratio und Intellektualität belegen. Voltaire etwa lobte seine Lebensgefährtin Emilie du Chatelet, eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit, indem er meinte "... solche Äußerlichkeit paßte nicht zu ihrem Charakter, der männlich und geradlinig war." Rousseau urteilte besonders drastisch: "Eine schöngeistige Frau ist die Geißel ihres Mannes, ihrer Kinder, ihrer Freunde, ihrer Diener, aller Welt."

Auf der anderen Seite wurde die Häuslichkeit zum Thema zahlreicher Theaterstücke und der Malerei. Auch in diesem Bereich ist es Rousseau, der in "Emile" den Zeitgeist zum Ausdruck bringt: "... In einer lebendigen und angeregten Familie ist die Pflege der Häuslichkeit die liebste Beschäftigung der Frau." Kleist übertrifft ihn jedoch, wenn er kurz und bündig feststellt: "Der Mann ist nicht bloß der Mann seiner Frau, er ist auch Bürger des Staates; die Frau hingegen ist nichts als die Frau ihres Mannes."

Als zentrale Gestalt patriarchalischen Denkens könnte die Hauptfigur aus Samuel Richardsons Roman "Pamela" gewertet werden. Sie stellt das aus männlichen Wünschen entstandene Frauenideal dar: eine arme, doch blühende, tugendhafte Frau, unverdorben und - untertänig. Pamela wird zu einer für diese Zeit typischen Heldenfigur und zum Vorbild für Bühnen- oder Romanfiguren wie Emilia, Luise und Charlotte.

Gerade die österreichische Literatur des Zeitalters der Aufklärung bietet eine Fülle von Beispielen, etwa Papageno in der "Zauberflöte", der in seiner geradezu perversen Anspruchslosigkeit an das weibliche Geschlecht nur eine wesentliche Forderung stellt: die Untertänigkeit ("O so ein sanftes Täubchen / Wär Seligkeit für mich!"), die wiederum Pamina demonstriert, wenn sie Tamino auf seiner ihm befohlenen Reise durch die Naturgewalten "folgt". Eine Parallele dazu liefert van Swieten im Duett Adam - Eva in Haydns "Schöpfung":

Adam: "Komm, folge mir, ich leite dich."
Eva: "O du, für den ich ward,
Mein Schirm, mein Schild, mein All!
Dein Will´ ist mir Gesetz.
So hat´s der Herr bestimmt,
Und dir gehorchen bringt
Mir Freude, Glück und Ruhm."


Männerurteile des 19. Jhdts.


BIEDERMEIERMODE"Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, daß das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist. Es trägt die Schuld des Lebens nicht durch Thun, sondern durch Leiden ab, durch die Wehen der Geburt, die Sorgfalt für das Kind, die Unterwürfigkeit unter den Mann, dem es eine geduldige und aufheiternde Gefährtin sein soll. ... Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, daß sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Worte, Zeit Lebens große Kinder sind: eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentlich Mensch ist."

Schopenhauer, "Parerga und Paralipomena"

"Ein Mann hingegen, der Tiefe hat in seinem Geiste wie in seinen Begierden ... kann über das Weib immer nur orientalisch denken - er muß das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr isch Bollendendes fassen ..."

Nietzsche, "Jenseits von Gut und Böse"

"Der hauptsächlichste Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, daß der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann. ..."

Darwin, "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl"

 

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