PETER EISENBERG

STIRBT DAS DEUTSCHE AN DEN INTERNATIONALSMEN?

Zur Integration von Computerwörtern

Die Entwicklung des Reisens, bes. der Fernreisen, hat die Bedeutung der Fremdsprachen in den letzten Jahrzehnten verstärkt. Durch die Entwicklung der modernen Technologien ist es zu einer weiteren Intensivierung - v. a. im Bereich des Englischen - gekommen. Aus diesen Gründen wurde die folgende anspruchsvolle wissenschaftliche Untersuchung als Exkurs in die Materialiensammlung aufgenommen.

 

1. Computerwörter und Neuanglodeutsch

"Was geschehen müßte, um das Deutsch von morgen abzuwenden, liegt auf der Hand. Hier eine Übersetzung, dort eine lautliche oder orthographische Anpassung, mit dem Ziel, die zugereisten Wörter in sämtlichen grammatischen Zusammenhängen frei gebrauchen zu können - schon das würde viel bewirken. Es setzte jedoch den gemeinsamen Willen voraus, das Deutsche an der deutschen Sprache zu erhalten. Dieser Wille ist nicht vorhanden und würde, wenn er sich irgendwo regen sollte, sofort als Deutschtümelei ausgepfiffen."
(Dieter E. Zimmer, Neuanglodeutsch, S. 84)

Die meisten Computerwörter sind Internationalismen der einfachsten Art. Mit dem Englischen haben sie durchweg dieselbe Gebersprache und mit der Prägung im Englischen kommen sie unmittelbar in allgemeinen Gebrauch. Sie sind Internationalismen von Geburt an. Auch verzeichnen sie in den verschiedenen Sprachen nicht nur Vergleichbares, sondern sie bezeichnen buchstäblich dasselbe. Die Computerbranche operiert weltweit mit den Produkten weniger Hersteller. Im Softwarebereich besteht sogar die Gefahr, dass in absehbarer Zeit ein einziger Hersteller die Szene beherrscht. Wir werden augenblicklich Zeugen des Versuchs, eine Monopolstellung der Firma Microsoft zu verhindern.

Was Computerwörter bedeuten, liegt weitgehend unabhängig von ihrem Gebrauch in der Einzelsprache fest. Ein derartiges Wort integriert sich nicht wie andere - auch nicht wie andere Fremdwörter - in das Begriffsgefüge einer Einzelsprache. Zumindest in einer Bedeutung bleibt es dem übereinzelsprachlichen Gebrauch verhaftet. Es kommt nicht wie sonst zum so genannten semantic drift, der Schwerkraftbewegung in Richtung auf Lexikalisierung, Idiomatisierung oder Metaphorisierung, die oft Hand in Hand geht mit Veränderungen des Wortes auf der Formseite.

Computerwörter gehören zu den Internationalismen, deren einzelsprachlicher Integration besondere Hemmnisse entgegenstehen. Wenn Internationalismen nicht der allgemeinen Fremdwortkritik anheim fallen, dann aus diesem Grunde. Niemand wird ihnen eine gewisse Funktionalität absprechen, niemand kann schlicht eine Ersetzung durch heimische Wörter verlangen. Ihr Status bleibt zumindest ambivalent, ihre Bewertung schwierig. Ganz praktisch wurde uns das kürzlich mit der Neuregelung der Orthographie vorgeführt. Im Herbst 1995 haben die deutschen Kultusminister und Ministerpräsidenten viele Vorschläge der Rechtschreibkommission zur Eindeutschung von Fremdwörtern abgelehnt. Ihr Argument war, man dürfe deren Schreibweise nicht zu weit von der international verbreiteten entfernen. Damit wurde ausdrücklich eine Entscheidung gegen die Integration.

Die Integration von Computerwörtern ist vergleichsweise gründlich und ausführlich in einer Arbeit des Germanisten und Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer (DIE ZEIT) untersucht worden (Zimmer 1997). Die Arbeit mit dem Titel "Neuanglodeutsch" eröffnet ein innerhalb wie außerhalb der Sprachwissenschaft viel beachtetes Buch, in dem der Autor eine Reihe von Entwicklungen bespricht, die er im gegenwärtigen Deutsch als Folge der Medienpraxis zu beobachten glaubt.

Zimmer ist kein Purist. Er argumentiert differenziert anhand von sprachlichen Fakten weit jenseits sprachkritisch freischwebender Meinungsäußerung. Auch ist er sich der Gefahr des Beifalls von der falschen Seite bewusst, in die man mit Fremdwortkritik leicht gerät: "Dies ist also keine Polemik gegen Fremdwörter, vorgebracht im Namen irgendeiner Deutschtümelei." (S. 74) Das Ergebnis ist trotzdem niederschmetternd: "Deutsch hat seine Assimilationskraft weitgehend eingebüßt. Es ist kaum noch imstande, fremdsprachliche Wörter und Wendungen entweder zupackend und überzeugend zu übertragen oder sie wenigstens den inländischen Sprachgesetzen ein Stück weit anzupassen." Und: "Die zur Assimilation unfähige Sprache ist eine tote Sprache." (S. 70)

Die Sprache mit hundert Millionen Sprechern und weltweit zwanzig Millionen Lernern wird selbst gar nicht mehr recht angesprochen. Eigentlich bekommt sie schon den Nachruf. Es ist von Pidginisierung die Rede; von Beschädigung; vom fehlenden Willen, das Deutsche an der deutschen Sprache zu erhalten. Und wir sind auch nicht wie die anderen. Denn eines Tages, droht und mahnt Zimmer, werden wir die Engländer, Franzosen, Polen, Finnen und Spanier um ihren Eigensinn beneiden. Sie alle erhalten ihre Sprache, wir dagegen lassen sie verkommen.

Wie kommt es zu einem derart harten Urteil? Wie gut begründet der Autor seine Schlüsse, wie weit muss man ihm folgen? Es genügt ja nicht, auf den Sonderstatus der Internationalismen hinzuweisen, wenn andere Sprachen mit ihnen besser zurechtkommen als das Deutsche. Ob dieser Schluss gerechtfertigt ist, wird im folgenden untersucht. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage nach den sprachimmanenten Grundlagen für eine Sprachbewertung.

Eine gewisse Schwierigkeit im Umgang mit Zimmers Aussagen besteht darin, dass er im Verlauf seiner Arbeit auf manches zu sprechen kommt, das er bei einem derart ultimativen Urteil jedenfalls bedenken müsste, es dann aber eben nicht bedenkt. Das gilt vor allem für die grammatischen Eigenschaften von Wörtern, die erwähnt (S. 54 ff.), dann aber außer Acht gelassen werden. Wir halten uns deshalb eng an die jeweils behandelte Textpassage und beschränken uns schon deshalb auf einen kleinen Ausschnitt der angesprochenen Probleme.

2. Wer ähnelt wem?

"Nicht der reichliche Einstrom fremder Wörter ist es, der verschiedene europäische Sprachen bedroht, sondern ihre Unfähigkeit und Unwilligkeit, die eingereisten Fremden zu assimilieren und ihnen damit volle Bewegungsfreiheit in ihren eigenen Regelsystemen zu verschaffen."
(Dieter E. Zimmer, Neuanglodeutsch, S. 73 f.)

Zunächst ist eine Bemerkung zu den in "Neuanglodeutsch" behandelten Fakten notwendig. Den Keim bilden hundert englische Computerwörter. Sie werden verglichen mit äquivalenten Ausdrücken aus neun anderen europäischen Sprachen. Da dem Vergleich die geschriebene Form zugrunde liegt, sind ausschließlich Sprachen berücksichtigt, die das lateinische Alphabet verwenden.

Ausgezählt wurde bei Zimmer u. a., wie viele der hundert Begriffe in jeder der neun Sprachen assimiliert sind. Das englische compiler beispielsweise gilt für das Polnische als assimiliert (kompiler), für das Schwedische nicht (compiler). Das Ergebnis der Auszählung wird für jede Sprache präsentiert in Prozent der assimilierten Ausdrücke. Je höher die Prozentzahl, desto größer also die Assimilationskraft der jeweiligen Sprache. In eine Rangfolge gebracht (Tab. 1) ergibt sich, dass das Deutsche die erwartet schlechte Stellung hat:

Dän. Deut. Ital. Ndl. Schw. Span. Poln. Frz. Finn.
52 57 65 68 69 80 82 86 93

Tab. 1: Assimilierte Ausdrücke in Prozent (adaptiert aus Zimmer 1997, 103 f.)

In der Rangfolge finden sich hier links die germanischen, also dem Englischen genetisch eng verwandten, rechts die nichtgermanischen Sprachen. Einziger Ausreißer ist das Italienische, von dem man, gerade auch was die Orthographie betrifft, allgemein annimmt, es assimiliere Fremdwörter besonders konsequent. Warum das Italienische so schlecht abschneidet, wäre zu untersuchen.

Im Übrigen zeigen die Zahlen etwas höchst Triviales. Zimmer erwähnt das für das Polnische und Finnische, es gilt aber allgemein. Der verwendete Begriff von Assimilation ist ungeeignet, wenn daraus ein Maß für den Abstand vom Englischen gewonnen werden soll, Assimilation bezieht sich in der vorgeführten Verwendung ja nicht darauf, ob ein Ausdruck an eine bestimmte Sprache angepasst ist, sondern er meint den Unterschied zum Englischen. Es ist in Wahrheit nicht von Assimilation an die Bedingungen der Zielsprache, sondern vor Dissimilation bezüglich des Englischen die Rede. Die Zahlen lassen keinerlei These über (den Grad und die Art der) Assimilation zu. Welch eigenartige Forderung, vom Deutschen zu verlangen, es solle seine Lebendigkeit durch Abgrenzung von einem Verwandten erweisen. Lassen wir uns besser nicht dazu verführen, diesem Gedanken nachzugehen.

Sehen wir uns trotz solcher Bedenken an, wie die Zahlen in Tabelle 1 zustande kommen. Ausgezählt wurde, "wie viele dieser Begriffe mit einem oder mehreren Wörtern ausgedrückt werden, die in irgendeiner Weise an die Zielsprache angepasst wurden: durch Lehnschöpfung, durch Übersetzung oder durch auch nur minimale orthographische Angleichung an die eigenen Laut-Buchstaben-Beziehungen der Zielsprache" (S. 104). Das Ergebnis ist eine Wortliste wie in Tabelle 2, in der die Formen der verschiedenen Sprachen zusammengestellt sind.

Leider werden die als assimiliert eingestuften Einheiten in der präsentierten Wortliste nicht ausgewiesen, man muss sie selbst identifizieren. Als assimiliert setze ich beispielsweise an: Prozessor für CPU [S. 881] (für Zimmer vermutlich eine Lehnschöpfung), Laserdrucker für laser printer [S. 94] (vermutlich eine Übersetzung) und Makro für macro [ebd.] (vermutlich eine orthographische Angleichung). Auch mit dem besten Willen ist es mir aber nicht gelungen, unter den hundert Ausdrücken (der deutschen Liste) die geforderten 43 nichtassimilierten zu finden.

Identifiziert wurden lediglich die 39 in Tabelle 3 aufgeführten deutschen Pendants. Das Deutsche würde danach ein wenig, aber nicht wesentlich besser abschneiden. Mit der geringeren Zahl sind wir jedenfalls auf der sicheren Seite. Denn letztlich interessiert natürlich, ob die Ausdrücke in Tabelle 3 tatsächlich nichtassimiliert sind.

Die Liste enthält Einheiten des Geschriebenen. Ob und inwieweit sie Merkmale einer Integration ins Deutsche aufweisen, kann jedoch nicht an der Schriftform allein entschieden werden. Da es um das Deutsche geht, ist eine Beschränkung auf das Geschriebene selbstverständlich ausgeschlossen. Gibt man sie auf, werden ganz unangenehme Seiten des Integrationskonzepts deutlich. Die Mehrheit der deutschsprachigen Benutzer spricht die Formen so aus, dass sie vom Englischen (oder auch Amerikanischen) mühelos unterschieden werden können. Integration findet statt, und das heißt hier Anpassung an die Aussprache des Deutschen, es entstehen Anglizismen mit deutschem Akzent. Je weiter diese Art der Integration geht, desto unbeholfener und hilfloser tritt uns das Sprechen entgegen. Das gilt für Anglizismen wie für Gallizismen. Es gilt viel weniger für Gräzismen und Latinismen, weil für sie längst eine allgemein akzeptierte Leseaussprache etabliert ist. Wie viel sie mit welchen Artikulationsmodi der alten Griechen und Römer zu tun hat, ist von eher marginalem Interesse. Bei Entlehnungen aus lebenden Sprachen, mit denen wir zudem in regem Kontakt stehen, ist das Integrationskonzept mit Vorsicht zu verwenden. Integration ist kein Wert an sich.

Bleiben wir beim Geschriebenen. Zimmer setzt als Kriterium für orthographische Assimilation eine "Angleichung an die eigenen Laut-Buchstaben-Beziehungen". Warum sollen die Laut-Buchstaben-Beziebungen das Maß der Dinge für die Schrift sein? Gut untersucht ist, wie die europäischen Sprachen, die das lateinische Alphabet verwenden, trotzdem ihre "orthographische Identität" sichern. Ein Blick auf das Schriftbild zeigt, ob wir es mit einem französischen, tschechischen oder spanischen Text zu tun haben (Harweg 1989).

Zu den Eigenheiten des Deutschen gehört die Großschreibung der Substantive. Sie beruht auf einer einfachen, lebendigen, in der Grammatik des Deutschen verankerten Regularität. Anglizismen werden ihr gnadenlos unterworfen. Im Bereich der Substantivgroßschreibung erreicht das Deutsche einen Assimilationsgrad von 100 %. Durch nichts ist gerechtfertigt, den Übergang to click - klicken als Assimilation zu werten, den Übergang chip - Chip aber nicht.

3. Wörter im Englischen und im Deutschen

"Die große Zahl unassimilierter englischer Wörter nötigt heute auf einigen Gebieten zu einem ständigen unberechenbaren Wechsel des Tiefencodes."
(Dieter E. Zimmer, Neuanglodeutsch, S. 74)

Ganz schwierig wird die Verteidigung von Zimmers Sicht angesichts des Wortbegriffs, den er verwendet. Verhandelt wird ja die Assimilation von Wörtern, und zwar vor allem von Verben und Substantiven.

Drei Verben gelten als vollständig unassimiliert, nämlich formatieren, installieren und upgraden. Ein Verb als lexikalisches Wort besteht in einer flektierenden Sprache wie dem Deutschen aus der Menge von Flexionsformen mit der zugehörigen Wortbedeutung. Vergleichen wir die Formen von Verben wie formatieren und installieren mit denen von to format und to install, dann stellt sich heraus, dass keine einzige Form des Deutschen mit der des Englischen übereinstimmt. Nicht einmal die Stämme sind identisch. Verben dieser Art sind im Deutschen abgeleitet. Sie werden mit dem seit Jahrhunderten etablierten Eindeutschungssuffix "-ier" gebildet, einem Assimilierer par excellence (Dittmer 1983, Fuhrhop 1998).

Auch bei upgraden gibt es kaum Formübereinstimmungen. Möglicherweise gleichen sich die Formen der 1. Ps. Sg. Präs. Ind. Akt., I upgrade und ich upgrade, aber sonst? Aus Zimmers Sicht zeigt sich hier aber ein anderes, noch gravierenderes Problem für die Überlebensfähigkeit des Deutschen. Unsere Sprache werde mit so einem Verb nicht fertig, weil sie seine Flexionsformen nicht zu bilden wisse. Das Verb sei "besonders gehandikapt" (S. 61), weil sein erster Bestandteil "als Präposition identifiziert" werden könne (ebd.). In der Tat führt der Bestandteil "up" zu Schwierigkeiten bei der Formbildung, weil er nicht eindeutig als Verbpartikel grammatikalisiert ist. Man kann sich vorstellen sie graden up neben sie upgraden und entsprechend beim Partizip 2 geupgradet vs. upgegradet sowie beim zu-Infinifiv zu upgraden vs. upzugraden. Ob, und wenn ja, wie die infiniten Formen sowie die finiten Formen bei Verwendung in Verberst- und Verbzweitsätzen bildbar sind, ist unsicher.

Irrig ist allerdings die Annahme, solche Probleme seien typisch für Fremdwörter oder gar Anglizismen. Offenbar wird unterstellt, dass heimische Wörter sich im System ihrer Sprache wie Fische im Wasser bewegen, die fremden dagegen überall anstoßen, sodass sie dabei selbst blaue Flecken bekommen und gleichzeitig das System in Unordnung bringen. So verhält es sich keineswegs. Wir haben Dutzende, wenn nicht Hunderte von heimischen Infinitiven, denen es keinen Deut besser geht. Sie will bausparen ist in Ordnung, aber was ist mit sie spart bau, gebauspart vs. baugespart, zu bausparen vs. bauzusparen? Ähnlich schutzimpfen, bruchrechnen, kunststopfen, bauchlanden und viele andere. Man nimmt an, dass sie ihr verbales Paradigma - wenn überhaupt - vom reinen Infinitiv her aufrollen und bei Etablierung im Lexikon die Formen des Paradigmas in einer bestimmten Reihenfolge entwickeln. Die Literatur beschäftigt sich seit langem und neuerdings wieder intensiv mit solchen Verbtypen (Asdahl-Holmberg 1976; Wurzel 1993; Eschenlohr 1999). Eine gewisse Berüchtigtheit haben sie in letzter Zeit erlangt, weil die Neuregelung der Orthographie an ihnen gescheitert ist.

Was Zimmer nichtassimilierte Verben nennt, bezieht sich nicht auf Wörter, sondern auf bestimmte morphologische Bestandteile von Wörtern. In traditioneller Redeweise sind das Wurzeln. Wurzeln zur Bildung von verbalen Flexionsstämmen übernimmt das Deutsche aber seit Jahrhunderten ohne Assimilation in großer Zahl. Unsere rückläufigen Wörterbücher enthalten mehr als zweitausend Verben auf -ier oder -isier, die in nichts von formatieren oder installieren zu unterscheiden sind. Auch der Typ upgraden bringt keine spezifischen Ungereimtheiten mit sich.

Bei der erheblich größeren Klasse von scheinbar nichtassimilierten Substantiven ergeben sich ähnliche Schwierigkeiten, wenn man lediglich die Grundformen des Englischen und Deutschen vergleicht. Nach Zimmers Auffassung herrscht genau so ein Chaos wie bei den Verben. Er schreibt (S. 58 f.): "Substantive rnüßten mindestens ein Genus und einen Plural erhalten. Auch die Entscheidung, daß Plural gleich Singular sein soll, ist eine. Wiederum scheint die pure Willkür zu herrschen. Es heißt: die Notebooks, aber nicht die Users, sondern die User. Heißt es die Modems oder die Modeme? Und warum eigentlich nicht der Modem und die Modemen, da sie ja von (De-)Modulatoren abgeleitet sind?"

In der Tat, jedes Substantiv aus dem Englischen muss ein Genus erhalten, andernfalls wäre nicht einmal eine Verwendung mit Artikel möglich. Es besteht aber auch in dieser Hinsicht kein Anlass zur Beunruhigung. Die Genuszuweisung funktioniert bei den Anglizismen einwandfrei und ist seit längerer Zeit recht genau untersucht (Carstensen 1980; Gregor 1983; allgemein Köpcke/Zubin 1984). Festgestellt wird immer erneut, dass es angesichts der großen Zahl von Entlehnungen erstaunlich wenig Zweifelsfälle gibt. Mit traumwandlerischer Sicherheit finden die fremden Substantive das passende Genus, sozusagen als Eintrittskarte ins Deutsche. Das Deutsche ist quicklebendig und entfaltet die notwendige assimilatorische Kraft. Auch bei Zimmer findet sich kein konkreter Hinweis auf ernsthafte Probleme.

Genauso der Plural. Es heißt die Notebooks, weil der s-Plural von anglizistischen Maskulina und Neutra dann gewählt wird, wenn nicht besondere Regeln einen anderen Plural fordern (Bornschein/Butt 1987). Bei User ist das der Fall. Maskulina und Neutra auf -er haben im Deutschen generell kein Pluralsuffix. Das gilt sogar unabhängig davon, ob dieses -er Teil des Stammes ist (der Eimer - die Eimer) oder ein Suffix (der Lehrer - die Lehrer). Anglizismen werden bei der Entlehnung sofort und konsequent dieser Regel, die innerhalb des Gesamtsystems bestens fundiert ist, unterworfen. In unserer Liste stellen die er-Substantive die umfangreichste Klasse dar: Browser, Compiler, Minitower, Personalcomputer, Scanner, Server, Streamer, Toner sind bezüglich des Plural vollständig assimiliert. Bezüglich der Kasusmarkierung ebenfalls. Nimmt man of the scanner als analytischen Genitiv im Englischen an, dann ist das flexivische "s" in beiden Sprachen gerade komplementär verteilt, d. h. weniger Gemeinsamkeiten sind überhaupt nicht möglich:

  englisch deutsch
Gen. Sg. - +
Nom. Pl. + -

Tab. 4: Verteilung des s-Flexivs

Weiter zu Modem. Gefragt wurde, warum nicht Modeme die Pluralform sei. Dieses Wort enthält als letzte eine sog. Reduktionssilbe, das ist eine Silbe mit dem nichtbetonbaren "Murmelvokal". Man kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass die Modeme nicht infrage kommt, solange die vorletzte Silbe unbetont bleibt. Es gibt im Deutschen einschließlich der Fremdwörter so gut wie keine substantivischen Plurale, die mit zwei Reduktionssilben enden, wenn diese nicht schon im Singular vorhanden sind (wie bei der/die Zauberer). Fälle wie die Abende, die Tugenden mit zwei Reduktionssilben im Plural sind absolute (aber wiederum gut begründete) Ausnahmen. Nähme Modem einen silbischen Plural, wäre die vorletzte Silbe betont, also die Modeme oder die Modemen. Aber so etwas ist hoch markiert. Das Flexionssystem bleibt deshalb beim üblichen Assimilationsmuster und wählt den nichtsilbischen s-Plural. Schließlich weist Zimmer auf den Plural von Modulator hin. Er lautet ja tatsächlich Modulatoren, ist also silbisch. Festzustellen ist aber, dass dies mit einer Akzentverschiebung einhergeht: der Modulator - die Modulatoren. Auch im Plural ist damit die vorletzte Silbe betont.

Dieses Verhalten ist an das Suffix -or gebunden, ein ganz besonderer Fall, auch in Hinsicht auf die Flexionssuffixe selbst. Der Gen. Sg. von or-Substantiven wird mit "s" gebildet (des Modulators, des Professors), der Pl. mit "en" (die Modulatoren, die Professoren). Es handelt sich um die gemischte Deklination, die im Kernwortschatz mausetot und nur noch bei einer Handvoll Substantiven zu finden ist (des Staates - die Staaten, des Auges - die Augen). Eine umfassendere Analyse von -or ergibt, dass sein Verhalten das eines Zwitters ist. Teils sieht es aus wie ein Suffix mit Vollvokal, teils wie eins mit Reduktionsvokal (Fuhrhop 1998). Fremdwörter auf -or bringen tatsächlich einige Unordnung ins System. Weil sie teilweise alt sind und nicht nach Anglodeutsch, sondern nach Latein aussehen, regt sich niemand über sie auf. Die Anglizismen dagegen werden als Chaoten hingestellt, auch wenn sie sich an die Regeln halten.

4. Die Sorge ist berechtigt

Die Kritik an Zimmers Vorgehen kann durchaus als eine Verteidigung des Deutschen verstanden werden. Nicht verstanden werden kann sie als Plädoyer für einen Standpunkt, der eine Sprachbewertung generell ausschließt.

Sprachkritik wird wirksamer, indem sie genauer wird. Wenn uns bei den vielen anglizistischen Computerwörtem Angst um das Deutsche wird, dann liegt das offenbar nicht in erster Linie daran, ob wir Computer oder Komputer schreiben. Nur das sollte festgestellt werden.

Literatur:

Asdahl-Holmberg, Märta (1976): Studien zu den verbalen Pseudokomposita im Deutschen. Stockholm. Augst, Gerhard u. a. (Hg.) (1997): Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik. Tübingen.

Bornschein, Matthias / Butt, Matthias (1987): Zum Status des s-Plurals im gegenwärtigen Deutsch. In: Abraham, Werner / Arhammer, Ritva (Hg.) (1987): Linguistik in Deutschland. Tübingen. S. 135-153. Dittmer, Ernst (1983): Form und Distribution der Fremdwortsuffixe im Neuhochdeutschen. In: Sprachwissenschaft 8. S. 385-398.

Carstensen, Broder (1980): Das Genus englischer Fremd- und Lehnwörter im Deutschen. In: Viereck, Wolfgang (Hg.) (1980): Studien zum Einfluß der englischen Sprache auf das Deutsche. Tübingen. S. 37-76. Eschenlohr, Stefanie (1999): Vom Nomen zum Verb: Konversion, Präfigierung und Rückbildung im Deutschen. Hildesheim.

Fuhrhop, Nanna (1998): Grenzfälle morphologischer Einheiten. Tübingen. Gregor, Bernd (1983): Genuszuordnung. Das Genus englischer Lehnwörter im Deutschen. Tübingen. Harweg, Roland (1989): Schrift und sprachliche Identität. Zur konnotativen Funktion von Schriftzeichen und Orthographien. In: Eisenberg, Peter / Günther, Hartmut (Hg.) (1989):  Schriftsystem und Orthographie. Tübingen. S. 137-162.

Köpcke, Klaus-Michael / Zubin, David A. (1984): Sechs Prinzipien für die Genuszuweisung im Deutschen. Ein Beitrag zur natürlichen Klassifikation. In: Linguistische Berichte 93. S. 26-50.

Wurzel, Wolfgang U. (1993): Inkorporierung und "Wortigkeit" im Deutschen. In: Tonelli, Luigi / Dressler, Wolfgang U. (Hg.) (1993): Natural morphology. Perspectives for the nineties. Padua. S. 109-125. Zimmer, Dieter E. (1997): Neuanglodeutsch. In: Zimmer, Dieter E.: Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber. Reinbek. S. 7-104.

Zimmer, Dieter E. (1995): Sonst stirbt die deutsche Sprache. In: DIE ZEIT Nr. 26/1995 (25. 6. 95)

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