BARBARA FRISCHMUTH
TAG- UND NACHTSTÜCKE NACH SCHWARZ´SCHER MANIER II
Manchmal schickte die Seraf mir heimlich ein
Freßpaket, in das sie Kaugummi, saure Drops und Brausepulver getan hatte. Vor allem dann,
wenn ich durch lautes Reden im Schlafsaal oder durch Widersetzlichkeiten das Recht auf die
monatliche Heimfahrt verwirkt hatte oder das Wochenende allein oder mit anderen
Widersetzlichen im Internat verbringen mußte. Wenn ich dann wieder einmal nach Hause kam,
sagte die Seraf zu mir, ich solle mir nichts draus machen, diese Flügeldrachen seien alle
übergeschnappt, weil sie nie einen Mann unter die Bettdecke bekamen. Sie hielt es für
ausgesprochen ungesund, daß man mich in so eine "bigotte Anstalt", wie sie es
nannte, gesteckt hatte, aber wann immer sie meine Mutter, die Mami, darauf anredete, biß
sie auf Kalkgestein, und die Mami erklärte ihrerseits, welch mäßigende Wirkung diese
ausgereifte Lebens- und Erziehungsform auf meine gelegentlich überkochende Phantasie
haben werde. Während ich selber zwischen der Einsicht in die Notwendigkeit des Internats
- es gab kein Gymnasium in entsprechender Nähe -, der Abscheu davor und der Langeweile
daran hin- und her schwankte.
Sobald ich mich aber auf dem Bahnhof befand, den mit Schmutzwäsche gefüllten Koffer als Requisite mit mehreren Verwendungszwecken neben mir, begann das Stück mit dem Titel "Reisebekanntschaften", bei dem ich mich viel besser unterhielt als bei sämtlichen Laienstücken, die je im Internat aufgeführt wurden. Den paar anderen Kindern, die in dieselbe Richtung nach Hause fuhren, wich ich aus, mich gelüstete nach neuen Gesichtern, Körpern, Sprechweisen - nach Eroberungen.
Die Kleinstadt, in der sich die Klosterschule befand, war kein Bahnknotenpunkt, also gab es nur zwei oder drei Geleise, und ich konnte ziemlich rasch erkennen, wer sich dazu anschickte, denselben Zug zu besteigen. Es dauerte nur wenige Minuten, schon hatte ich mir jemanden ausgespäht, auf dessen Gesellschaft ich Lust verspürte. Manchmal fand ich auch erst im Zug jemanden, und an dürftigen Tagen konnte es geschehen, daß nicht einmal unterwegs jemand zustieg, der mein Interesse weckte.
Sowie ich meine Wahl getroffen hatte, näherte ich mich, den Koffer mit sichtlicher Anstrengung hinter mir herziehend, und da es fast immer ein Erwachsener und fast immer ein Mann war, genügte die Bitte, mir mit dem Koffer beim Einsteigen zu helfen, um den ersten Kontakt herzustellen. Meist fühlte der Betreffende sich verpflichtet, mir den Koffer nicht nur in den Zug, sondern auch ins Gepäcksnetz zu heben, wo er gleich auch seinen eigenen verstaute. Dann lag nichts näher, als sich hinzusetzen, nebeneinander oder gegenüber, wie es sich ergab, wobei ich nebeneinander bevorzugte, aus Erfahrung, versteht sich. Erst jetzt kam es nämlich dazu, daß ich in Ruhe in Augenschein genommen wurde. Mein Koffer hatte seine Schuldigkeit getan, nun lag es an mir, die Sache in Gang zu halten.
Ich kannte mein Spiegelbild gut genug, um die Wirkung meines Aussehens auf andere ohne größere Kränkung ertragen zu können. Doch hat es auch von mir als Reisebekanntschaft Auserkorene gegeben, die nach dem ersten genaueren Hinschauen konstatierten, sie seien Raucher und gehörten daher in ein anderes Abteil, ihren Koffer wieder herunterholten und tatsächlich woanders hingingen.
Eine dieser Reisebekanntschaften, ein Mann Mitte dreißig, fragte mich allen Ernstes, warum ich im Zug und nicht mit meiner Sippe im Wohnwagen unterwegs sei. Seines Wissens benutzten Zigeuner immer einen Wohnwagen.
"Stimmt", sagte ich. Und ich erzählte, daß mein Vater zum Häuptling gewählt worden sei, was seinen Cousins nicht gepaßt habe. Sie hätten meinem Vater aufgelauert, und bei der Riesenrauferei, die sich in der Dunkelheit abgespielt hatte, habe mein Vater einen seiner Cousins undanks erstochen oder zumindest angestochen. "Sie wissen, was das bedeutet?" Ich schaute meinem Gegenüber fest in die Augen. Der Mann war so verwundem daß er automatisch den Kopf schüttelte.
"Blutrache!" Er konnte es nicht glauben.
Ich beugte mich, leise sprechend, in seine Richtung. "Und darum muß ich mit dem Zug fahren."
Der Mann verstand nicht. "Wie bitte?" "Im Zug findet mich kein Zigeuner, weil sie alle in Wohnwagen unterwegs sind. Im Zug ist es am sichersten für mich."
"Und du lügst mich nicht an?" Eigentlich hatte der Mann seine Zeitung lesen wollen. Ich hatte längst die Überschrift ZIGEUNERFEHDE auf der letzten Seite erspäht und schüttelte traurig den Kopf.
Er stellte fest, daß ich erstaunlich gut Deutsch könne. Die Zigeuner hätten doch eine eigene Sprache, und wenn sie deutsch sprächen, redeten sie ein schwer verständliches Kauderwelsch. Nur die Scherenschleifer und Kesselflicker hätten es ein bißchen besser gelernt, von ihrer Kundschaft halt.
"Mir hat's die Mami beigebracht. Meine Mutter ist nämlich geraubt worden. Aber sie spricht noch immer ganz gut deutsch."
Das ging dem Mann nun doch über die Hutschnur. "Geh, geh, was du nicht sagst", und weil ihm sonst nichts mehr einfiel, vertiefte er sich in die Zeitung, nicht ohne mich gelegentlich, wenn er umblätterte, rasch und mißtrauisch zu mustern. Ich tat, als schaute ich mir die Gegend an, wobei ich von Zeit zu Zeit zurückzuckte, so als hätte ich draußen was entdeckt, das mich ängstigte, und wolle nicht gesehen werden, was auch der Mann bemerkte, selbst wenn er tat, als sei er in seine Zeitung vertieft. Als er dann auf der letzten Seite angelangt war, sah ich, wie es ihm bei der Schlagzeile ZIGEUNERFEHDE einen Ruck gab. Er schaute auf, blickte zum Fenster hinaus und zog dann plötzlich den Vorhang vor, wie um mich vor Blicken zu schützen. Das kam ihm doch wieder übertrieben vor, und er sagte, daß die Sonne ihn blende, obwohl es ziemlich bewölkt war.
Wir saßen noch eine Weile so da, und der Mann fragte: "Fürchtest du dich? Ich muß nämlich bei der nächsten Station aussteigen. Aber wenn du dich fürchtest, kann ich dem Schaffner Bescheid sagen."
"Ich fürchte mich nicht. Mein Vater ist der Häuptling."
Da reichte es dem Mann endgültig. Er erhob sich, nahm seinen Koffer und ging zum Waggonausgang, wo er noch an die zehn Minuten stehen mußte, bis der Zug hielt. Irritiert, wie er war, hatte er sogar die Zeitung liegen lassen. Ich las den Bericht über die "Zigeunerfehde", und es stellte sich heraus, daß die ganze Geschichte in Spanien passiert war und mehrereTodesopfer gefordert hatte, aber so weit hatte der Mann gar nicht gelesen. Wir hatten uns beide mit der Überschrift begnügt.
Der schwierigste Moment war immer der des ersten Gegenübersitzens, wenn man mich zu mustern begann. Ich kannte mich aus in Blicken, jenem die Lippen kräuselnden Erstaunen, versetzt mit einer Spur Ungläubigkeit und darauffolgendem Zur-Seite-Schauen, um mich das Mißfallen nicht allzu deutlich spüren zu lassen, und dem Hauch von Gekränktheit darüber, daß ich mich anderen so ohne weiteres zumutete. In diesen Augenblicken galt es, kühlen Kopf zu bewahren. Schließlich ging es mir darum, mich so interessant wie möglich zu machen, um ein Bild von mir entstehen zu lassen, das den anderen nicht so rasch aus dem Kopf ginge.
"Haben Sie eine Waffe bei sich?" fragte ich zum Beispiel, wenn ich mit dem von mir zur Reisebekanntschaft auserwählten Herrn nicht allein im Abteil saß. Und es war ganz klar, daß er mich ansehen und fragen würde: "Wie kommst du denn darauf?"
"Mein Vater", erwiderte ich und das in einem Ton, als verrate ich ein Geheimnis, "hatte nämlich seine nicht bei sich. Dann ist bei uns eingebrochen worden, und die Einbrecher nahmen auch die Pistole mit. Eine Walther BKK", fügte ich hinzu, um gar nicht erst den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich schwindelte.
"Einbrecher? Erzähl!" Und ich gab eine genaue Schilderung von der Ankunft der Einbrecher, die ich, wach im Bett liegend, gehört hatte, von den Geräuschen, die sie im Elternschlafzimmer verursacht hatten, bis zu ihrem Abzug, beladen mit Kissenüberzügen, in die sie alles gestopft hatten, was sie nur finden konnten.
Spätestens dann, wenn ich erzählte, wie dumm und ungeschickt die Gendarmen sich verhalten hatten, hielten es die Mitreisenden nicht mehr aus und mischten sich mit ähnlichen Diebstahls- und Einbruchsgeschichten ins Gespräch, und in kürzester Zeit war die spannendste und gruseligste Unterhaltung im Gang, die ich mir wünschen konnte. In den Fällen aber, in denen der von mir angesprochene Mann noch immer versuchte, sich rauszuhalten, ging ich einen kleinen Schritt weiter und fragte: "Oder haben Sie gar keine Waffe?" Es war noch nicht allzu lange nach dem Krieg, und kaum einer dieser Männer konnte der Versuchung, als Waffenbesitzer zu gelten, widerstehen und zugeben, daß er keine Waffe besaß. Manche erwähnten verschämt ein Jagdgewehr, was in dieser Gegend immer glaubwürdig wirkte, oder sie begnügten sich mit sonstigen Andeutungen.
Manchmal fragte ich einen Mann, mit dem ich allein im Abteil war, unvermittelt: "Schlagen Sie Ihre Frau?" Und nach dem üblichen "Wie kommst du darauf?" gab ich die Geschichte von meinem prügelnden Vater zum besten, der neulich meiner Mutter aus Eifersucht den linken unteren Eckzahn ausgeschlagen hätte. Ich brachte auch mich ins Spiel, indem ich erzählte, wie ich selber gelegentlich etwas abbekäme, mir aber zu helfen wüßte, denn ich hätte meinen prügelnden Vater in die Hand gebissen, so fest, daß eine Sehne durch war.
Einmal war ich dabei an den falschen geraten. Das dürfte ich nicht, Gott bewahre, nicht einmal denken möge ich an sowas. Wie sich herausstellte, war der Mann Mitglied einer Sekte, und er meinte, ich müsse diesen prügelnden Vater in jedem Fall ertragen, und je demütiger ich das täte, desto größer würde meine Gutschrift im Himmel sein. Dabei leistete er sich einen dermaßen unverschämten Augenaufschlag, daß er mir die Laune verdarb. Einmal in Gang gesetzt, goß er all seine Bekehrungssprüche über mir aus, so daß mir gar nichts anderes übrig blieb, als die Wahrheit zu sagen, nämlich daß ich im Kloster zur Schule ging und die Barmherzigen Schwestern vom hl. Kreuz mich oft genug vor Männern wie ihm gewarnt hätten.
Ich hatte mir eine ganze Reihe von Einstiegsgeschichten zurechtgelegt, angefangen damit, daß meine Mutter eine weggelegte Tochter von Greta Garbo sei, die hier in den Alpen versteckt gelebt habe, bis mein Vater auf sie gestoßen sei und sie geheiratet habe. Oder daß ich einen Geburtsfehler hätte, nämlich das Herz auf der rechten Seite, obwohl man es links klopfen höre, bis hin zu der Bemerkung, ich kenne eine Frau mit drei Brüsten oder, wenn ich mich das nicht traute, ein Ferkel mit zwei Köpfen. Am leichtesten fielen mir natürlich die sagenhaften Übertreibungen unserer Familiengeschichte, in denen ich aus meinem Großvater eine Art einflußreichen Seeräuber und aus meinen Onkeln gespenstische Kriegshelden machte. Oder wenn ich alle Selbstmorde, die von Verwandten verübt worden waren, genau beschrieb oder von meiner Mutter als einer Frau sprach, der unzählige Männer Blumen und Bonbonnieren schickten, wogegen mein Vater diese Kerle einzeln unter den Tisch soff.
Ich weiß auch nicht genau, warum ich alle Vorfälle, auch die peinlichen, dermaßen schamlos übertreiben mußte, aber mir war jedes Mittel recht, um mein Gegenüber zu unterhalten. Manchmal erzählte ich sogar Klostergeschichten, und ich hatte bald heraus, daß es Männer gab, deren Augen zu leuchten begannen, wenn sie hörten, daß die Nonnen die Mädchen auf einem Holzscheit knien ließen oder eine Holzplatte über unsere Badewanne legten, damit wir uns nicht selber anschauten. Wenn mir gar nichts anderes einfiel, erzählte ich von Zottel, unserer Hündin, und wie klug sie sei. Man könne sie zum Beispiel in die Trafik schicken, damit sie die Zeitung hole. Und wenn man zu ihr sage SALZBURGER NACHRICHTEN, komme sie mit SALZBURGER NACHRICHTEN zurück, und wenn man aber EXPRESS oder NEUES ÖSTERREICH sage, komme sie mit EXPRESS oder NEUES ÖSTERREICH zurück.
Für mich bedeuteten Reisebekanntschaften die Welt. Ich war süchtig nach ihnen, und beim Erzählen schob ich meine Worte immer näher an die empfindliche Grenze zwischen Skurrilität und Frechheit, und gewiß hätte ich mich um mein Leben erzählt, nur um in den Genuß jener Aufmerksamkeit zu gelangen, in der ich mich geradezu wälzte, rauschhaft um mich für alle Stillhaltemaßnahmen und Erziehungsversuche im Internat zu entschädigen. Ich handelte mit Worten, die ich wie Köder auslegte, und sobald der fette Karpfen geschluckt hatte, traktierte ich ihn mit Geschichten, daß ihm die Augen nur so übergingen.
Aus: Martina Schmidt, Reisende. Ein österreichisches Lesebuch.
Texte von Schutting, Friedmann, Amanshauser, Köhlmeier, Hochgatterer, Helfer,
Janisch, Treudl u. a.