GERHARD HÖHN
(VER-)BILDUNGSREISEN
Zu Heines Kritik am modernen Tourismus
"Ja, Reisende waren wir beide auf diesem Erdball, das war
unsere irdische Spezialität." Als Heine 1854 sein großes
Prosawerk"Lutezia" mit diesem Rückblick auf sein Leben dem Fürsten
Pückler-Muskau widmete, hatte er schon sechs Jahre seine"Matratzengruft" nicht
mehr verlassen.
Die eigentliche Reisezeit, mit ihren Wanderungen durch Deutschland und ihren Reisen durch Europa, lag Jahrzehnte zurück. Weit zurück lag auch eine lebensbestimmende Reise, die er angetreten hat, weil er sie antreten musste: die Abreise aus dem rückständigen Vaterland, die schnell zu unfreiwilligem Exil und lebenslanger Fremde geworden war. Nur Bäderreisen, ein Abstecher in die Provence und die zwei Deutschlandfahrten von 1843 und 1844 hatten dort herausgeführt. Als er zwei Jahre vor seinem Tod den "Zueignungsbrief" an den als wahlverwandt empfundenen Fürsten schrieb, konnte er sich nur noch träumend und fantasierend fortbewegen, wie z. B. in den "Historien" des "Romanzero", die vom alten Ägypten, vom mittelalterlichen Persien und von Mexiko handeln und sowohl Indien als auch Arabien, Palästina wie England berühren. Oder wie in den beiden "Hebräischen Melodien" mit ihren spanischen Schauplätzen: "Jehuda ben Halevy" und "Disputation". Oder schließlich wie im letzten, unvollendet gebliebenen Versepos "Bimini", das den todkranken Autor "auf des Fabelrosses Flügeln" in die Karibik versetzt hat.
Reisen gehört ohne Zweifel ganz wesentlich zu Heines modernem Schriftstellertum. Wenn er Reisen zu seiner "irdischen Spezialität" erklärt hat, dann wollte er wohl signalisieren, dass Aufbruch in die Fremde nicht so sehr geografisch oder kunsthistorisch als existenziell zu verstehen ist. In einer Zeit allgemeiner Aufbruchstimmung, die deutlich mit dem politischen Stillstand in Deutschland kontrastierte, hat der junge Dichter reale und fiktive Räume durchmessen und Erfahrungen gesammelt. Zugleich bezeugt die innovative Prosa der"Reisebilder" seinen Werdegang zu einem europäischen Schriftsteller.
Reisen und Reisebildung
Die Erfahrung des Fremden befähigte den jungen Heine zur Selbsterfahrung. Die Berührung mit fremden Ländern und Kulturen riss ihn aus der engen deutschen Welt heraus und gab ihm eine Kontrastfolie an die Hand, die ihn die überholten Zustände seines eigenen Landes umso schärfer sehen ließ. Diese relativierende, vor nationaler Überschätzung bewahrende Erfahrung wirkte befreiend und ist heute wieder so aktuell wie damals.
Gleich bei seinem ersten Grenzübertritt, d. h. bei seiner Reise in den preußisch besetzten Teil Polens, lernte der Student Heine die politische Rolle von nationalen Vorurteilen zu durchschauen. Während ihn die Misere der polnischen Bauern schockierte, beeindruckte ihn die vorbildliche Haltung der Polen allgemein. Am 1. September 1822 teilte er aus Gnesen brieflich mit: "Deutsche, die Polen durchreist haben und ein entgegengesetztes Urtheil nach Deutschland mitgebracht, haben gewöhnlich die Polen durch die deutsche Brille betrachtet, oder sie trugen Nationalvorurtheile in der Brust." Völkerpsychologische Reflexionen setzen ihn somit in die Lage, dem preußischen bzw. deutschen Nationalcharakter einen sehr kritischen Spiegel vorzuhalten. Umgekehrt räumt er in Kapitel III der "Englischen Fragmente" mit überholten Vorstellungen auf, denn die "alten stereotypen Charakteristiken der Völker, wie wir solche in gelehrten Kompendien und Bierschenken finden, können uns nichts mehr nutzen und nur zu trostlosen Irrtümern verleiten".
Reisen befreit nicht nur von derartigen Irrtümern, sondern bildet in entscheidendem Maße europäisches Bewusstsein aus. Diese Erfahrung, die in einer von nationalen Vorurteilen und Xenophobie geprägten Zeit ebenfalls wieder gültig geworden ist, wird schließlich in der "Reise von München nach Genua" exemplarisch auf den (politischen) Punkt gebracht. Heine denkt darüber nach, wie sich die "Welthistorie" in eine von ideologischen Interessen beherrschte "Geistergeschichte" verwandelt hat, in der nationale Vorurteile zu systemstabilisierenden Zwecken ausgenutzt werden. "Der Haupthebel", notiert er in Kapitel XXIX, "den ehrgeizige und habsüchtige Fürsten zu ihren Privatzwecken sonst so wirksam in Bewegung zu setzen wußten, nämlich Nationalität mit ihrer Eitelkeit und ihrem Haß, ist jetzt morsch und abgenutzt." Danach fährt er weitsichtig fort: "[ ... ] täglich schwinden mehr und mehr die törigten Nationalvorurteile, alle schroffen Besonderheiten gehen unter in der Allgemeinheit der europäischen Zivilisation, es gibt jetzt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien." Folglich kann die Emanzipation, die "große Aufgabe unserer Zeit", nicht allein national oder partiell sein, sondern nur die "der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist".
"Reisebilder" entwerfen eine politische Landkarte des alten Kontinents, die am Maßstab der Ideale von 1789 mit ihrem Bannerträger Napoleon ausgerichtet ist. Die Grenzen verlaufen zwischen Frankreich, dem Land des allgemeinen Fortschritts und der Emanzipation, und vorrevolutionären Ländern wie Deutschland und Italien, auch England, dessen Umsturz auf halbem Weg stecken geblieben ist. Aber die "Reisebilder" verzeichnen nicht nur historische Stätten und denkwürdige Begegnungen, die zu Signaturen von Fortschritt oder Stillstand taugen, sie spüren auch kleine Orte auf und registrieren Verhaltensweisen, die auf ungewohnte Weise die negativen Folgen der allgemeinen Entwicklung anzeigen. Z. B. abgelegene Orte wie Norderney, Lucca, das Brockenhaus und Innsbruck. Dort haben sich bereits Auswirkungen einer bestimmten Reiseform herauskristallisiert, die wir heute alle praktizieren.
Verfall der Sitten und Traditionen
In der Restaurationszeit wird Heine Zeuge davon, wie die Entstehung des neuzeitlichen Tourismus die beiden damals noch vorherrschenden Reiseformen allmählich auf- und ablöst: die seit dem 18. Jahrhundert bekannte "Grand Tour" des europäischen, überwiegend englischen Adels und die beliebten inländischen Badereisen der höheren Stände. Seit 1800 verbreitet sich der Gebrauch des Wortes "Tourist" über England und Frankreich nach Deutschland (übrigens ist für die "Tour"-Wortgruppe ursprünglich der Begriff einer zirkulären Bewegung bezeichnend). 1836 erscheint das weltberühmt gewordene "Red Book" von John Murray mit dem Sternchensystem zur Kennzeichnung der Sehenswürdigkeiten. 1839 publiziert Karl Baedecker "Die Rheise", seinen ersten Reiseführer neueren Typus. 1841 beginnt die Epoche des organisierten Reisens, als der Engländer Thomas Cook erstmals einige Hundert Mitglieder eines Vereins auf die Fahrt von Leister nach Loughberough schickt.
Der modern reisende "Reisebilder"-Autor steht offensichtlich noch ganz in der bekannten Tradition. So besichtigt er den Gnesener und den Mailänder Dom, das Londoner Drury Lane Theatre und das Amphitheater von Verona, den Tower an der Themse und dieUffizien am Arno. Ihn interessieren die Neue Wache und das Zeughaus in Berlin ebensowie die Palazzi Doria und Durazzo in Genua. Mit London, Holland, den Alpen, Norditalien, Toskana, Florenz und Venedig hat er typische Stationen der klassischen Grand Tour aufgesucht. Außerdem hat ihn sein Gesundheitszustand gut zwei Jahrzehnte lang immer wieder dazu angehalten, Bäder jeder Art aufzusuchen: in Deutschland Seebäder und Ferienorte wie Norderney und Helgoland, in England das alte Seebad Brighton sowie die viel besuchten Bäder Margate und Ramsgate: in Frankreich sowohl die Ferienorte an der Kanalküste und in der Normandie wie die Hafenstädte Boulogne-sur-Mer und Granville als auch die Pyrenäen-Bäder Cauterets und Barreges.
Aber die "Reisebilder" beschreiben keine klassische Bildungsreise mehr. Das Hauptmotiv der Italienreise war weder die Wiederbegegnung mit der Antike noch die Sehnsucht nach dem Land, "wo die Zitronen blühn". Es war vielmehr der politische Zustand des zerstückelten und unterdrückten Landes und das Reiseziel waren die Bagni di Lucca mit ihrem Kurbetrieb.
Die medizinischen Anlässe haben jedoch keineswegs Heines kritischen Blick auf die zerstörerischen Konsequenzen des entstehenden Tourismus trüben können - ein Blick, der nichts an Gültigkeit verloren hat (s. Text 1: "Sittenverderbnis"). So erlebt der Norderneyer Kurgast, wie die Dynamik des modernen Badebetriebes die Insulaner aus dem sicheren "Zustande der Gedanken- und Gefühlsgleichheit" herausreißt und in eine Zukunft entlässt, die alle gewachsenen Strukturen auflösen wird. Zwar lässt der Erzähler, der angesicht der Inselwelt erkennt, wie das moderne Individuum "überall fremd, überall in der Fremde" leben muss, keine Nostalgie aufkommen: Die so anziehend erscheinende vormoderne Homogenität bedeutet in Wirklichkeit "Geistesniedrigkeit" und wird mit dem fragwürdigen "Glück" "eines dumpfen Köhlerglaubens" bezahlt. Für ihn ist Verlust an Harmonie der Preis, den der Fortschritt zu geistiger und individueller Freiheit fordert.
Dieses Symptom der Modernität veranschaulicht das neugierige Gedränge der Norderneyer um die 1814 modernisierte Badeanstalt und um die Spielbank, die 1820 im Konversationshaus errichtet worden ist. Ziehen aber diese Neuerungen viele Adlige und Geschäftsleute an, so weckt der luxuriöse Lebensstil der reichen Gäste zwangsläufig Konsumbedürfnisse, welche die "armen Insulaner" ihrer gewohnten Welt entfremden. Das Badeleben bringt zwar Geld und Aufschwung, aber zu welchem Zweck und zu welchem Preis? Schon heißt es von den tugendhaften Norderneyerinnen, sie brächten Kinder zu Welt, die den "Badegästen ähnlich sehen", kurz, "Kinder mit badegästlichen Gesichtern". Und wieweit Prostitution die traditionellen Sitten und Gebräuche schon korrumpiert hat, zeigt eine Textvariante. Danach musste zur Badesaison eine Person vom festen Lande herübergeholt werden, um die Insulanerinnen vor "allen schlimmen Einflüssen" zu sichern. Was für das kleine Norderney vielleicht noch verfrüht erscheint, gilt aber ausdrücklich als die richtige Maßnahme für größere Seestädte, wo die "öffentlichen Personen gleichsam die Bollwerke und Blitzableiter sind, wodurch die Moralität der Bürgerstöchter geschützt wird"!
Bei dieser heute einschlägig bekannten Entwicklung hat sich eigentlich nur das Rollenspiel verändert: Die "Blitzableiterinnen" sind auch zu "Magneten" geworden.
Bildungsphilister
Nach der Norderneyer "Sittenverderbnis" macht das südländische Badeleben ein anderes Zeitsymptom kenntlich. Satire und Parodie der bürgerlichen Bädergesellschaft von Lucca unterstreichen drastisch, wie die aufklärerische Bildungsidee zum zeitgenössischen Bildungsphilistertum verkommen ist. Auch eine Italienfahrt dient nicht länger der Selbstbildung, sondern setzt Perversion von Bildung in Szene.
Bildung spielt in der Luccheser Gesellschaft eine zentrale, ihre Träger ständig entlarvende Rolle. So "ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen", sagt in Kapitel VIII der Diener und kleinbürgerliche Aufsteiger Hirsch Hyazinth, der sie nicht besitzt, aber angefangen hat, "viel auf Bildung zu geben" - man kann ja nie wissen, wozu, vor allem, wann man reist. Deshalb muss er unbedingt "Unterricht in der Bildung" nehmen; durch Bildung "perfektioniert" er sich und in ihr macht er sogar Fortschritte "wie eine Riesin"! Bildung ist so nötig wie Religion, hat ihn sein Herr gelehrt, denn sonst verstünde er keineswegs "die Bilder, die zur Bildung gehören, nicht den Johann v. Viehesel, den Corretschio, den Carratschio, den Carravatschio" (Kap. IX).
Hyazinths Herr, der Hamburger Bankier Christian Gumpel, als bürgerlicher Edelmann Marchese di Gumpelino genannt, hat dagegen begriffen, dass Bildung mehr ist als bloße Zierde, nämlich so etwas wie ein unverlierbares Kapital. Er hat sein Vergnügen daran, wie sich sein Diener bei ihm durch Bildungsunterricht vervollkommnet und setzt zu folgender Reflexion über seine eigene Lebensmaxime an: "Ich sage ihm oft: Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt" (s. Text 2: "Bildung und Banausentum"). Wenn man nämlich alles Geld verliert, dann bleibt man immer noch ein "großer Kunstkenner, ein Kenner von Malerei, Musik und Poesie"! Wie groß, das betont sein Umgang mit Kultur und Natur, den beiden klassischen Bildungsmotiven. Seine eigene Wahrnehmung von Natur lässt ihn schließlich sogar das Abbild höher als das Bild selber einschätzen.
Den Effekt des Bildungsgeredes verstärkt zuletzt noch eine symptomatische Handlung, die Gumpelinos kunstentfremdete Bildung bloßstellt: seine ganz persönliche Art, mit Platens Lyrik umzugehen. Als Fußfetischist legt er den Poesieunterricht ganz natürlich so an, dass sein Schüler die Versfüße der Poeme in Lebensgröße auf den Boden hin-"notiert", um besser nachrechnen zu können, ob das "Gedicht richtig ist" (Kap. X).
Viele Grüße aus dem Harz!
Gehört regressive, ästhetische Wahrnehmung zu den auffälligsten Erscheinungen des touristischen Zeitgeistes, dann liefert die "Harzreise" ein besonders einprägsames Beispiel, zeigt sie doch, wie sich aufrichtige, spontane Erfahrung in bloße Sentimentalität entleert hat. Das Erlebnis von Naturschönheit vermag keine innere Wandlung mehr hervorzurufen, weil die Harztouristen sich ebenso wenig wie Gumpelino auf das einlassen, was sie (erstmals) sehen, sondern auf das Gesehene mit Schablonen reagieren.
"Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle darüber aussprechen kann", notiert der Erzähler selbstironisch auf dem Brockengipfel, und wie das konkret vor sich geht, zeigt die berühmte Sonnenuntergangs-Szene (s. Text 3: "Messe im Abendrot"). Während der Dämmerung findet sich auf der Turmplatte eine Gesellschaft ein, die aus Hallenser und Göttinger Studenten sowie aus "ehrsamen Bürgerleuten" mit Ehefrauen und Töchtern besteht. Der Anblick ist erhaben und stimmt "die Seele zum Gebet". Überhaupt vollzieht sich alles wie in einer Messe: Die ergriffenen Besucher falten "unwillkürlich" die Hände und bilden eine "stille Gemeinde". Aber die andächtige Stimmung erzeugt keine angemessene, d. h. individuelle Äußerung. Im Gegenteil, einem reisenden jungen Kaufmann platzt eine ins Universelle erhöhte Sentenz heraus, eine banale Sprechblase: "Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!" Drastischer als durch diese stereotype Reaktion kann kein ästhetisch vermitteltes Erlebnis von "Naturschönheiten" annulliert werden. Klassisch-romantische Schwärmerei geht unmittelbar in nüchterne "Werkeltagsstimmung" über. Wie brüchig ganzheitliche Naturerfahrung inzwischen geworden ist, das kommt nicht allein in der Harzreise, sondern pointiert noch an anderer Stelle zur Sprache. In Verbindung mit einer Berlin-Erinnerung aus den bereits zitierten "Bädern von Lucca" richtet ein junges Mädchen an seine naturverbundene Mutter die typische Frage: "Mutter, was gehen Ihnen die jrine Beeme an?"
Diese Frage verlangt schon keine Antwort mehr.
Sightseeing
Der Tourist erscheint in den "Reisebildern" als der zeitgenössische Gegentypus zum klassischen Reisenden. Begibt er sich auf die Grand Tour - auf die traditionelle Kultur- und Bildungsreise -, dann wird deutlich spürbar, dass Bildung kein authentisches Erlebnis mehr bedeutet, sondern zum Sightseeing-Programm verkommen ist. Der Tourist versucht auch nicht mehr, sich in eine fremde Welt einzuführen, sondern lässt sich vom Führer führen.
Ein Indiz der modernen Italienfahrt, das nicht trügt: kein Tourist mehr ohne Reiseführer! Die touristischen musts werden in Führern vorab festgelegt. Hans Magnus Enzensberger hat das in seiner "Theorie des Tourismus" präzise erfasst: "Das genormte Grundelement der Reise ist die sight, die Sehenswürdigkeit; sie wird nach ihrem Wert durch einen, zwei oder drei Sterne klassifiziert." ("Einzelheiten I", "Bewußtseins-Industrie")
Heine weiß, wovon er spricht: Nach eigenem Geständnis hat er selber Führer wie Gottschalcks "Taschenbuch für Reisende in den Harz" benutzt. Aber er hat auch nicht verabsäumt, seinen ganzen Spott über deren nüchterne, rein quantitative Aufzählung wichtiger Daten auszugießen. Auf der "Reise von München nach Genua" entdeckt der "Reisebilder"-Autor dann, wie es in Italien von Engländern, den damaligen Touristen "par excellence", nur so wimmelt: Sie rennen "mit ihrem Guide in der Hand" in Galerien umher und sehen tatsächlich nach, "ob noch alles vorhanden, was in dem Buche als merkwürdig erwähnt ist" (Kap. XXVII).
Zu welchen Verrenkungen solch fremdbestimmtes Verhalten führen kann, veranschaulicht eine Episode, die Engländer bei ihrem Besuch in der Innsbrucker Hofkirche nach allen Regeln der Komik vorführt (s. Text 4: "Vom Führer geführt"). Ausgerüstet mit dem "Guide des Voyageurs dans la ville d'Innsbruck" schreitet eine kleine Gruppe die aus 28 lebensgroßen Standbildern bestehende Ahnengalerie des Hauses Österreich ab - aber im Gegensinn zu der im Führer angegebenen Richtung! So stellt die kulturell interessierte Gruppe verblüfft fest, dass Rudolf von Habsburg in Frauenkleidern und Königin Maria mit einem langen Bart dargestellt wird. Eine stereotype Redensart "rundet" den Kirchenbesuch noch ab. Innsbruck scheint übrigens ein günstiger Ort für solche Verwechslungen zu sein. Der französische Essayist und Reisesehriftsteller Gilles Lapouge wollte ebenfalls die Stadt mit seinem "Guide bleu" aufsuchen. Aber während der mit Überraschungen gespickten Besichtigung musste er feststellen, dass er ein rein imaginäres Innsbruck bewunderte - in Wirklichkeit hat er Solbad Hall besichtigt und diese Stadt mit Innsbruck verwechselt!
Ob naturschwärmerische Harz- oder bildungsbeflissene Italienreise - der touristische Aufbruch in die Moderne bestätigt den Eindruck, dass die Idee autonomer Individualität obsolet geworden ist. Der partielle und äußerliche Umgang mit Natur und Kultur hat alle "irdische Spezialität" in einen Gemeinplatz verwandelt. Zeigt nicht die Innsbrucker Episode exemplarisch, dass die touristisch erschlossene Welt Züge einer im wahrsten Sinn des Wortes verkehrten Welt aufweist? Auch ohne diese komische Pech-Situation erfassen Heines "Reisebilder" sehr genau jene Deformation, die mit dem Übergang von der bürgerlichen Bildungsreise zum modernen Vergnügungs- und Erholungstourismus einher geht.
"Ja, Reisende waren wir beide" ... Touristen sind wir alle!