URTEILE

Benjamin - Eichendorff - Schücking - Hofmannsthal - Rilke

 

Walter Benjamin

Walter Benjamin (1892-1940) erläutert in einer Briefaufzeichnung das "große ästhetische und große moralische Problem", das er hinter Stifters "scheinbarer Harmlosigkeit" verborgen sah (1917).

Eine Täuschung über Stifter scheint mir höchst gefährlich, weil sie in die Bahn falscher metaphysischer Grundüberzeugungen von dem einmündet, wessen der Mensch in seinem Verhältnis zur Welt bedarf. Es ist nicht zu bezweifeln, daß Stifter ganz wundervolle Naturschilderungen gegeben hat und daß er auch von dem menschlichen Leben, wo es noch nicht als Schicksal entfaltet ruht, also von den Kindern wunderbar gesprochen hat, wie im "Bergkrystall". Seinen ungeheuren Irrtum hat er aber selbst einmal ausgesprochen, ohne ihn als solchen zu erkennen, in der Vorrede zu den "Bunten Steinen", wo er über Größe und Kleinheit in der Welt schreibt und dieses Verhältnis als ein trügerisches und unwesentliches, ja relatives darzustellen sucht. Es geht ihm in der Tat der Sinn für die elementaren Beziehungen des Menschen zur Welt in ihrer gereinigten Rechtfertigkeit ab, mit andern Worten: der Sinn für Gerechtigkeit im höchsten Sinne dieses Wortes. In der Verfolgung dessen, wie er das Schicksal seiner Menschen in seinen verschiedenen Büchern entrollt, habe ich jedesmal, im "Abdias", im "Turmalin", in "Brigitta", in einer Episode aus der "Mappe meines Urgroßvaters", die Kehrseite, die Schatten- und Nachtseite jener Beschränkung auf die kleinen Verhältnisse des Lebens gefunden: Indem er sich eben bei deren Aufzeichnung keineswegs bescheidet oder begnügen kann und nun bemüht ist, jene Einfachheit auch in die großen Verhältnisse des Schicksals zu tragen, welche aber notwendigerweise eine ganz andersartige sowohl Einfachheit als Reinheit, nämlich die welche simultan ist mit der Größe oder besser mit der Gerechtigkeit, haben. Und da ergibt es sich, daß bei Stifter sich gleichsam eine Rebellion und Verfinsterung der Natur ereignet, welche ins höchst Grauenvolle, Dämonische umschlägt und so ihren Einzug in seine Frauengestalten ("Brigitta, die Frau des Obristen") hält, wo sie als eine geradezu pervers und raffiniert verborgene Dämonie das unschuldige Aussehen der Einfachheit trägt. Stifter kennt die Natur, aber was er höchst unsicher kennt und mit schwächlicher Hand zeichnet, ist die Grenze zwischen Natur und Schicksal, wie es sich zum Beispiel geradezu peinlich im Schluß des "Abdias" findet. Diese Sicherheit kann nur die höchste innere Gerechtigkeit geben, aber in Stifter war ein krampfartiger Impuls auf einem anderen Wege, der einfacher schien in Wahrheit, aber unmenschlich dämonisch und gespenstisch war, die sittliche Welt und das Schicksal mit der Natur zu verbinden. In Wahrheit handelt es sich um eine heimliche Bastardierung. Dieser unheimliche Zug wird sich bei scharfem Zusehen überall da finden, wo er in einem spezifischen Sinne "interessant" wird. - Stifter hat eine Doppelnatur, er hat zwei Gesichter. In ihm hat sich der Impuls der Reinheit von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit zu Zeiten losgelöst, sich im Kleinen verloren, um dann im Großen hypertrophisch (das ist möglich!) als ununterscheidbare Reinheit und Unreinheit gespenstisch aufzutauchen.

Es gibt keine letzte metaphysisch beständige Reinheit ohne das Ringen um den Anblick der höchsten und äußersten Gesetzlichkeiten, und man darf nicht vergessen, daß Stifter dieses Ringen nicht kannte.

[...]

Er kann nur auf der Grundlage des Visuellen schaffen. Das bedeutet jedoch nicht, daß er nur Sichtbares wiedergibt, denn als Künstler hat er Stil. Das Problem seines Stils ist nun, wie er an allem die metaphysisch-visuelle Sphäre erfaßt. Zunächst hängt mit dieser Grundeigentümlichkeit zusammen, daß ihm jeglicher Sinn für Offenbarung fehlt, die vernommen werden muß, d. h. in der metaphysisch-akustischen Sphäre liegt. Des ferneren erklärt sich in diesem Sinne der Grundzug seiner Schriften: die Ruhe. Ruhe ist nämlich die Abwesenheit zunächst und vor allein jeglicher akustischen Sensation.

Die Sprache, wie sie bei Stifter die Personen sprechen, ist ostentativ. Sie ist ein zur Schaustellen von Gefühlen und Gedanken in einem tauben Raum. Die Fähigkeit, irgendwie "Erschütterung" darzustellen, deren Ausdruck der Mensch primär in der Sprache sucht, fehlt ihm absolut. Auf dieser Unfähigkeit beruht das Dämonische, das seinen Schriften in mehr oder weniger hohem Grade eignet und seine offenbare Höhe dort erreicht, wo er auf Schleichwegen sich vorwärtstastet.

Zitiert aus: Walter Benjamin, Briefe I (Hsg. Von G. Scholem und Th. W. Adorno). Frankfurt: Suhrkamp, 1966. S. 195f.

 

Joseph von Eichendorff

Zu den "Studien" in den "Historisch-politischen Blättern" (1846)

 "... Tröstlich und als Pfand für die Zukunft bedeutungsvoll ist es, unerwartet einem jungen Dichter zu begegnen, der den Mut hat, ein anderes Banner zu entfalten. Wir meinen Adalbert Stifter, dessen Novellen (Studien, Pesth 1844) sich eben durch das auszeichnen, was sie von der jetzigen Modeliteratur unterscheidet. Sie können und wollen sämtlich ihre romantische Abkunft nicht verleugnen, aber es ist eine der Schule entwachsene Romantik, welche das verbrauchte mittelalterliche Rüstzeug ablegt, die katholisierende Spielerei und mystische Überschwänglichkeit vergessen und aus den Trümmern jener Schule nur die religiöse Weltansicht, die geistige Auffassung der Liebe und das innere Verständnis der Natur sich glücklich herübergerettet hat. Nicht eine Spur von moderner Zerrissenheit, von selbstgefälliger Frivolität oder moralisch experimentierender Selbstquälerei ist in dieser gesunden Poesie. Die irdische Liebe, obgleich in kräftig sinnlicher Schönheit, erinnert überall an ihren himmlischen Ursprung: fromm, heiter und einfach hat sie ihren bunten Brautkranz auf den Zinnen der "Narrenburg" ausgehängt, während sie mir ihrer Wehmut den ganzen "Hochwald" in tiefes Abendrot versenkt. Gebirg und Wald ist die rechte Heimat des wanderlustigen Dichters. Inmitten dieser Waldeinsamkeit ist er jedoch weit entfernt, die Gaben der modernen Kultur zu ignorieren oder zu verschmähen. Aber sie soll sich einer höheren Weihe bewußt werden, die Heiligkeit der Phantasie, die unsere Erzieher eine Betrügerin nennen, nicht zerstören, nicht die Blumen ausraufen, um nützliches Heu daraus zu machen. Die Wissenschaft soll Schmuck des Herzens werden. Die Kunst ist ihm noch ein verklärender Strahl aus der unsichtbaren Welt.

Mit Eifer vindiziert er auch der modernen Frau das Gebiet der Kunst und Wissenschaft, auf daß sie lerne, "daß es ein Schaffen gibt, ein Erschaffen des eigenen Herzens, Bildung dieses schönen Kunststückes, Ansammlung und Eigenmachung der größten Gedanken, welche erhabene Sterbliche vor uns gedacht haben und uns als teures Erbstück hinterließen." Nicht Häuslichkeit allein daher, noch selbst Vorbereitung und Erfüllung der Mutterpflicht schließen den Kreis des Weibes. Und dennoch aller mannstollen Emanzipation zum Trotz, weist er in der schönen Novelle "Der Condor" eine hohe Frau durch die Unzulänglichkeit der Weibsnatur meisterhaft in ihre natürlichen Kreise zurück.

Möchten diese wenigen Züge genügen, die schlanke, jugendlich frische Erscheinung der Stifterschen Dichtungen anzudeuten. So viel wenigstens dürfte daraus einleuchten, daß sie unbewußt und ohne alle Polemik einen hoffnungsreichen und, will's Gott, siegreichen Feldzug gegen die gegenwärtige Modeliteratur eröffnen: Gesundheit und Freudigkeit gegen blasierte Zerrissenheit, fromme Naturwahrheit gegen gespreizte Lüge, eine Poesie der Liebe gegen die Poesie des Hasses ..."

Zitiert aus: Karl Privat, Adalbert Stifter, S. 182 f.

 

Levin Schücking (Literaturkritiker)

"Augsburger Allgemeine Zeitung" (1847)

Die langverheißenen zwei folgenden Bände der "Studien" von Adalbert Stifter sind soeben ... versendet worden. Wir müssen ehrlich gestehen, daß uns diese weiteren Bände weniger befriedigt haben ...

 

Hugo von Hofmannsthal

Brief an Eberhard von Bodenhausen (1906)

A. Stifters Studien, sehr stilles Buch, ich mag es sehr gern.

 

Rainer Maria Rilke

Brief an August Sauer (Herausgeber der historisch-kritischen Stifter-Ausgabe), 1914

Seit meinem vorigen Winter ist mir Stifter zu einem ganz eigenen Gegenstand der Liebe und der Erbauung geworden: nie werd ichs vergessen, wie ich dort, im südlichen Spanien, von einem unerklärlichen Gefühl der Fremdheit gleichsam von allen Seiten angefallen, die ausgesprochene Not empfand, mich zu etwas Vertraulichem zu retten ... wie ich mir schließlich aus den Bänden, die der Insel-Verlag mir nach und nach zugesendet hatte, die schöne Sammlung "Deutsche Erzähler" in meine Abende vornahm ... Worauf es wirklich Stifter wurde, der mich Abend für Abend den Einflüssen einer mich großartig überholenden Natur entzog ... Ich hatte mir die "Studien" kommen lassen, sie beschäftigten mich lange.

© HP

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