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| Die beiden Textausschnitte aus Handkes "Mein Jahr in der Niemandsbucht" stellen eine Möglichkeit zur vergleichenden Beschäftigung mit Handke und Stifter - in inhaltlicher und sprachlicher Hinsicht - dar. |
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| AUSSCHNITT
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Viele Straßen in diesen Vororten hatten die Namen der von den Nationalsozialisten umgebrachten Widerständler oder Gegenmenschen. Bei einer solchen, der rue Victor Basch in Arcueil, kannte ich dann einen besonderen Baum. Es war ein Kirschbaum, der nicht in einem abgeschlossenen Garten stand, sondern in einer Ausbuchtung der Straße vor einem Mietblock, gleich an der Bahn. Zuerst kam die Blüte, noch ohne ein grünendes Blatt, wobei der Stamm umkleidet wurde von einem einzigen, so dicht wie leicht gebauschten Weiß, himmelhoch getürmt und dort oben heller strahlend als je eine Frühlingswolke. Dann stoben die Blüten weg, an einem Tag mit dem Aprilschnee oder -hagel, am andern mit den Vorstadtschmetterlingen. Anfang Juni waren die Früchte reif, keine winzigen wie bei einer Wildkirsche, vielmehr von einem biblischen Volumen, und wo früher alles weiß gewesen war, war jetzt alles hochrot. Und unversehrt stand die Frucht mit jedem neuen Tag, da ich in jener Woche davor ankam. Keine Amseln fielen über sie her (ob die Züge, die pausenlos an dem Baum vorbeiblitzten, sie abschreckten wie sonst die Stanniolfetzen?). Und auch die wenigen Passanten dort, obwohl die untersten der Kirschen ihnen beinah die Köpfe tätschelten, bedienten sich nicht; es bückte sich nicht einmal jemand nach den im Wind abgefallenen, zum Teil geplatzten prallen Kugeln auf dem Asphalt, der von dem zertretenen Fruchtfleisch dunkel und dunkler wurde. Nur ich aß und aß, zuerst die vom Boden, da ich nicht wissen konnte, ob nicht doch von irgendwoher ein Eigentümer dazwischenträte, später die in Zehen- und Fingerspitzen-Reichweite. Es war dann klar, der Baum war Gemeingut, und einmal, als ich in dem sperrangeloffenen Flur des Mietshauses eine Malerleiter sah, lieh ich sie mir kurzerhand aus und stieg hinauf in die Krone, wo die Kirschen bekanntlich munden wie nirgends sonst (und das bewahrheitete sich dann auch). In dem Dorf Rinkolach hatte es einen ebensolchen allgemein zugänglichen Kirschbaum gegeben, mitten im Ort, oder eine Mitte ergab sich umgekehrt erst durch ihn? Nicht allein den seinerzeitigen Geschmack, sondern auch jenes besondere Wipfelgefühl stärker als auf einem Berg hoch oben in den Lüften zu sein, samt dem der Kirsche wohl eigenen Schwanken fand ich in dem ausländischen Vorort wieder; wiederfinden? nein, es geschah überhaupt erst einmal das Innewerden des Vergangenen: ein Bedachtsamwerden, Erkennen des Früheren,dessen Ermessen, eine Art von Genauigkeit - das Gedächtnis! Es war der Halbschatten, in dem ich die Welt so viel klarer und erstaunlicher sah (und das hat sich dann von Vorstadt zu Vorstadt, bis hinein in die Waldbucht hier, weiter bewährt). Wir hatten die Kirschen daheim mit den Lippen gepflückt, auch weil bei dem heftigen Hin und Her der Zweige keine Hand frei war... Und selbst außerhalb der Fruchtzeiten hatte jener Baum für uns etwas bedeutet, indem er stillschweigend als Asylstätte galt: Dem, der sich zu ihm flüchtete, durfte in seinem Bereich nichts angetan werden, und sowie die Verfolger mit hineintraten, hieß das, daß die Versöhnung stattfinden mußte. Und den öffentlichen Kirschbaum von Rinkolach gibt es immer noch, ich gehe mindestens einmal jährlich an ihm vorbei und um ihn herum, er lebt, trägt Frucht, etwas säuerlich und wäßrig gewordene, trotz einiger Blitzschläge, nur wirkt er ein jedes Mal verwaister (oder wer ist der Verwaiste?), keine Kinder mehr, weder um ihn noch in ihm, und wenn inzwischen woanders eine Ortsmitte ist, so entdecke ich diese nicht, bleibe dazu vielleicht auch nicht lang genug. Und nun saß ich, wer?, in dem Baum von Arcueil, verborgen, in meinem Maßgewand mit Krawatte, spürte bei der bloßen Vorstellung der Bievre unten in dem Tal, mochte diese auch längst unterirdisch fließen, den Kirschdurst gemildert, rauhte mir an der aufgebrochenen, speziell scharfen Rinde des alten Kirschholzes die Fingerkuppen auf und roch daran, um mich empfänglicher, empfänglich, zu machen, ebenso wie noch heute an meiner höchsteigenen, bis auf einen einzigen Ast schon abgestorbenen Kirsche hier in der Bucht zwischen den Seine-Höhen, in der Befürchtung, taub und tauber zu werden, von den Rändern meines Körpers her. Ich glaubte damals, nicht anders als jetzt, jedem müßten über dieselben Dinge die Augen und die Ohren aufgehen wie mir, und so lud ich anfangs gelegentlich den und jenen aus der Metropole, dem ich einen Sinn für Orte zutraute, ein, mit über die Ränder zu pilgern. Entweder wurde das gleich nicht ernst genommen, oder bei dem gemeinsamen Unterwegssein stellte sich dann kaum etwas ein, was mit der eigentümlichen Gegend zu tun hatte. Diese verlor da ihren Wert; zeigte ihn erst gar nicht. Zum einen hatte ich, wie seit jeher, kaum war der andere an meiner Seite, mich einer Mißstimmung zu erwehren, als verdränge er allein durch seine Anwesenheit den Raum, und dann erschienen die meisten nicht nur die eingefleischten Stadtleute, nach höchstens einem kurzen Aufmerken, nicht mehr bei der Sache, mit den Gedanken ganz woanders, und auch was sie redeten, handelte weder von der Landschaft, die wir miteinander durchkreuzten, was mir beinahe recht war -, noch wurde es (was mich dann gegen meine Begleiter ergrimmte) im geringsten von dieser bestimmt, geleitet, beflügelt. In meiner Phantasie hätten diese sich aufrichten, als ganze sich bewegen, um sich blicken, eine ruhigere und tiefere, eine gründliche Stimme bekommen sollen, und statt dessen fielen sie in sich zusammen, stolperten in einem fort, hielten den Blick gesenkt, manch einem stockte sogar sein hauptstädtischer Tonfall, es zeigte sich, daß dieser gekünstelt war, und er sprach gepreßt, ohne Nachdruck, und Nachklang, wie man sich eben einen lebenslänglichen Vorort-Insassen vorstellte. Und ich wurde davon angesteckt, murmelte, ruckelte, hampelte genau wie der Nebenmann, und wir zwei bildeten ein Paar nicht nur lachhaft wie Bouvard und Peccuchet, sondern auch fehl am Platz. Aus: Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Suhrkamp 1994. Seite 282 - 287
Anders als früher oft kam ich auch nicht mehr ins Stocken, sowie ich merkte, daß etwas, das ich da gerade aufschrieb, schon längst gesagt war, von mir oder sonstwem. Wenn ich zwischendrin mich oder einen andern wiederholte, so sollte mir das recht sein, und natürlich stockte ich jeweils doch, nur daß ich die Wiederholung dann mit einem zusätzlichen Schwung anging, von der Aussicht darauf geradezu am Schopf gepackt. Ebenso in die Luft auf lösten sich meine Bedenken, in der Geschichte von der Bucht und von meinen fernen Freunden ereigne sich so wenig, die Handlung komme nicht von der Stelle,die Sätze seien für ein Buch von heute zu lang. Ich ließ sie so lang werden, wie sich das aus dem Bild, welches in mir war und mich antrieb, eben ergab; es mußte nur so ein Bild in mir sein. Und wenn Langatmigkeit, dann spürte ich diese im Einklang mit dem Hin- und Hergefinger der Windrillen auf dem Wasser, um sämtliche sieben Ecken des Weihers herum, und mit dem vielen Nichts-und-wieder-nichts zwischendurch, einem kleinen Zittern weitwo, dem Sich-auf-der-Stelle-Drehen des Flaumvogels mit der roten Kehle im Totholz, der beim nächsten Augenblick, mit seinem Bauch im Tiefflug, unvergleichlicher feiner Platschlaut, ein Sekundenbad nimmt. Mir war, solch ein Miteinander wirke auf mein Erzählen als eine Beglaubigung; vor allem das Wasser in seiner Eigentümlichkeit da, sei es, das meine Arbeit - Arbeit? da mehr ein bloßes Mitatmen bekräftige. Ungleich leichter als sonstwo wurde es mir zudem hinter jenem Namenlosen Weiher, in meiner Sache, seit je in Gefahr, sich zu verschränken, bis keine Luft in ihr bleibt, Absätze zu machen, oder, statt unbedingt einen triftigen Übergang und eine zwingende Folge herbeizuphantasieren, unbekümmert irgendwo weiterzutun. Absätze machen hieß dabei, mittendrin auch nur so zu pausieren, für ein bei dem Innenraumschreiben mir in der Regel unmögliches Atemholen, für ein Weggehen vom Blatt, damit dieses einmal seine Ruhe habe. So blieb ich dann gelassen, wenn ein Regen, stark genug, daß er durch das Laub drang, mich unterbrach. Ich barg die Mappe zwischen Rock und Hemd, setzte den Hut auf, eher mitgenommen für die Pilze, und wartete. Je wilder es um das Wasser herum zuging, desto heiterer, auch geduldiger wurde ich. Sturm mischte sich in das Regenprasseln, Sand schlug mir auf die Finger, eine Endfinsternis brach herein, dicke Äste krachten zu Boden, wieder ein Baum platzte aus der Uferböschung, kopfüber, in den Weiher, die vielen Wildvögel der Gegend, groß und klein, stoben, gerade daß sie nicht gegen mich stießen, unter Zetern und Quieken kreuz und quer, und ich saß zurückgelehnt, mit meiner Handschrift, und betrachtete ohne ein Wimpernzucken, warm ums Herz, die panische Welt, klar und ganz hervorgetreten hinter der üblichen, der brüchigen, schimärischen, und in der panischen Welt jene Durcheinanderschöpfung - kein Chaos -, worin ich seit jeher meinen Platz fühlte. "Jetzt ist es richtig." Mit dem Tätigsein dort an dem Wasser zeichnete sich die Umwelt auf ganz andre Weise ab, als wenn ich nur müßig davorgesessen hätte. Ohne daß ich sie eigens wahrnahm, ging sie, nebenher, auf mich über. Und wieder treten in meinem Gedächtnis zuerst die Tiere auf. (Dabei denke ich nicht an die Stechmücken, die über mich herfielen, scharweise jedoch erst in der Dämmerung, wenn ich meist schon fertig war.) Das fing damals an mit der Wanderung der bis dahin völlig unsichtbaren Krötenvölker hügelab durch die Wälder zu den Laichplätzen. Der Namenlose Weiher, hinter dem ich saß, war Hauptziel, und zwar, schien mir, selbst der Kröten aus den entferntesten Seine-Höhen, obwohl doch alle anderen Gewässer mehr Platz boten. Aus: Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Suhrkamp 1994. Seite 826 -829
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