Vorbemerkung
Für die Entwicklung der Kleinkunstbühnen waren das jüdische und das
jiddische Theater sehr wichtig. Die Gründe waren teilweise theaterimmanent, teilweise
aber auch in der großen Zahl jüdischer Autoren und Künstler zu suchen. Dennoch darf
nicht vergessen werden, daß trotz dieser Tatsache Theater und Kabarett - mit Ausnahme
etwa des jüdisch-politischen Kabaretts oder einiger Programme jiddischer Gruppen - keine
speziellen jüdischen Inhalte transportierte, wenn man - wie Oscar Teller in "Davids
Witz-Schleuder" schreibt - davon absieht, "daß eine bestimmte Art von Witz und
Humor sozusagen organisch - also ungewollt -jüdisch war." Im folgenden Abschnitt
soll versucht werden, die Entwicklungsgeschichte des jüdischen / jiddischen Theaters
darzustellen und die Einflüsse auf die Wiener Kleinkunstszene aufzuzeigen.
Jüdisches und jiddisches
Theater
Vorwegzunehmen ist, daß Theateraufführungen in den Ghettos schon im Mittelalter
verboten waren. Die einzig tolerierte Form waren die Purimspiele, eine Verbindung
von biblischen Stoffen mit Liedern und komischen Szenen. Daraus entwickelte sich im 18.
Jahrhundert die jiddische Posse. Sie geht auf die Absicht der Vertreter der
jüdischen Aufklärung zurück, die Juden Osteuropas, die Aschkenasim, an die moderne Zeit
heranzuführen.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Jiddische Literatursprache. Das größte
Hindernis für diese Aufwertung bestand in der Tatsache, daß es den Wert einer
Umgangssprache hatte; die religiöse Hochsprache war das Hebräische. Dennoch erlangte das
Jiddische ab dem 19. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung. Diese verdankt es Autoren wie Scholem
Alechem ("Anatevka"), Schalom Asch sowie im 20. Jahrhundert Isaak
Bashevis Singer, der in jiddischer Sprache schreibt und 1979 für sein Schaffen den
Nobelpreis erhielt.
Im 19. Jahrhundert entstand in den Randgebieten der
Österreichisch-Ungarischen Monarchie zunächst eine Gruppe volkstümlicher und
sozialkritischer Berufsunterhalter, die "broder singer" (= Sänger aus
Brody in Galizien, aus der die ersten bekannten Künstler stammten; der Dichter Joseph
Roth kam ebenfalls aus Brody). Zu dieser Gruppe gehörten tw. auch die Schauspieler, die
in Wien um die Jahrhundertwende auf Kleinbühnen ("Simpl", "Himmel",
"Hölle", "Max und Moritz", "Orpheums-Gesellschaft") Theater
spielten und ihre Texte mit dem typisch jüdischen Witz verknüpften, eine Technik, die
den Sketch, ein wesentliches Element des Kabaretts, vorwegnahm. Am bekanntesten war
die von Josef Modl (Bild) gegründete "Orpheums-Gesellschaft",
die vor allem in der Leopoldstadt, dem jüdischen Zentrum Wiens, spielte.
Probleme für das Jiddische Theater ergaben sich jedoch u. a. aus staatlichen
Repressionen, Massenemigration, religiös begründeter Ablehnung Andersgläubiger, aus
sprachlichen Schwierigkeiten für Nichtjuden, aber auch vieler Juden, die des Jiddischen
nicht mächtig waren, aus mangelnder finanzieller und ideeller Unterstützung sowie
aufgrund ständiger Vorurteile. Die bekanntesten jiddischen Theatergruppen bestanden in Wilna
(seit 1916, Gastspiel auch in Wien), in New York und in Moskau
(Jiddisches Staatliches Künstlertheater).
Aus der Tradition des jüdischen Theaters in Wien, das bedeutenden Einfluß auf die
Kabarettszene hatte, entstand 1927 sogar eine rein jüdische Form, das jüdisch -
politische Kabarett. Es war zionistisch ausgerichtet, wandte sich gegen jede
Assimilation von Juden und lehnte sowohl sozialistische als auch klerikal-konservative
Politik ab. Die Entwicklung begann bereits 1923 bei Oscar Teller und Victor Schlesinger,
der die Idee hatte, Heurigenlieder mit kritisch-aktuellen, jüdisch orientierten Texten zu
versehen, was eine Parallelentwicklung zur Wienerischen Volkssängertradition
darstellt. Zum erstenmal bekam ein jüdisches Publikum - und nur dafür waren diese
Programme ursprünglich gedacht - aggressive Satiren in eigener Sache zu hören.
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