ÜBER DEN GEHEIMDIENST
Während meines Prager Aufenthaltes lud ein Kaufmann einige seiner
Freunde zu einem Festessen. Dabei kam man auf die neue Staatsanleihe zu sprechen. Die
Gäste äußerten ihre Meinung, die nicht gerade günstig war. Am nächsten Tag wurde der
Kaufmann zur Polizei beschieden, um über die bei ihm geführten Gespräche Rechenschaft
zu geben. Der Kaufmann verfocht sein Recht, über öffentliche Geldsachen sprechen zu
dürfen, erhielt aber die Antwort, daß ihm dies nicht zustünde, da er kein Bankier sei.
Falls er nochmals ungebührlich über die Staatsanleihe spräche, würde man ihn mit einer
Verhaftung bestrafen!
Der Kaufmann kehrte heim und entläßt seine gesamte Dienerschaft, überzeugt, daß diese
ihn denunziert habe. Daraufhin wird er neuerlich zur Polizei beschieden und über den
Entlassungsgrund befragt. Er besteht darauf, in seinem Haus frei schalten zu dürfen. Der
Polizeipräsident jedoch, ein Mann im Rang eines Obersts und Ordensritters, hat die
Unverschämtheit, ihm auf Ehre zu versichern, daß er seine Nachrichten nicht durch die
Dienerschaft erhalten hätte! Es ist geradezu unmöglich, sich eine angemessene
Vorstellung von der weiten Verzweigung der Geheimpolizei, diesem üblen Produkt eines
falschen öffentlichen Bewußtseins, zu machen. Jeder Hoteldiener ist ein bezahlter Spion;
es gibt Spione, welche dafür entlohnt werden, Wirtshäuser und Hotels aufzusuchen und an
der Wirtstafel zu horchen. Andere wird man zum selben Zweck in der Hofbibliothek finden,
und die Buchhandlungen werden von Spionen heimgesucht, welche sich über die Einkäufe der
Kunden unterrichten lassen. Selbstverständlich werden alle nur im geringsten
verdächtigen Briefsendungen geöffnet, und man bemüht sich so wenig, diese Verletzung
des Briefgeheimnisses zu verbergen, daß der Stempel der Polizei neben dem erbrochenen
Siegel des Absenders angebracht wird. Diese widerlichen Maßregeln werden nicht mit jener finesse
durchgeführt, welche die französische Polizei auszeichnet, aber auch nicht mit der
militärischen Grobheit der preußischen, sondern in der dummen und verächtlichen Art des
Österreichers, der, linkisch wie er einmal ist, diese niederträchtigste aller
Beschäftigungen in der plumpsten Weise ausführt, und dabei noch das stolze Bewußtsein
hat, ein Organ kaiserlichen Machtwillens und ein Mensch von Bedeutung zu sein. Ein
eigenartiger Zug dieser Regierungsform ist ebenfalls hervorzuheben: ihre Verfolgungen
richten sich weniger gegen Fremde als gegen Leute, die mit ihnen in Kontakt treten. Diese
und ihre Familien sind aller Art von Schikanen ausgesetzt. Deshalb kann der Ausländer nur
schwer mit den besseren Ständen, ausgenommen dem Adel, in nähere Berührung kommen, da
jedermann die tückische Strenge der mißtrauischen Regierung fürchtet. Ohne den Verkehr
in adeligen Kreisen wäre es einem Fremden, selbst mit den bescheidensten Ansprüchen,
unmöglich, auch nur eine Woche in Prag zuzubringen, wird ja jedes Vergnügen durch die
scheußliche Tätigkeit der Geheimpolizei vergällt.
Der Prager Mittelstand ist eine kluge, gebildete und achtenswerte Menschenklasse, den
sinnesfreudigen Wienern weitaus überlegen, obwohl ihm die Regierung nicht einmal jene
armselige Nachrichtenquelle gönnt, aus der die Wiener schlürfen können. Prag besitzt
eine einzige, denkbar schlichte Zeitung, die unter unmittelbarer Aufsicht des
Oberstburggrafen erscheint. Eine zweite, in böhmischer Sprache geschriebene Zeitung,
hatte kaum mit Erlaubnis des Guberniums zu erscheinen begonnen, als sie auf einen Befehl
von Wien aus eingestellt werden mußte.
Alles in allem ist Prag eine der malerischsten und schönsten Städte des Festlandes, weit
interessanter als Berlin oder jede andere deutsche Hauptstadt. Was diese Stadt
höchst beachtenswert macht, sind vor allem die außerordentlichen historischen Schätze,
die nicht nur für Böhmen, sondern für alle slawischen Völker wie die Russen und Polen
von großer Bedeutung sind. Es wäre ein unkluges Ansinnen, eine Weltgeschichte zu
schreiben, ohne vorher diese uralte Hauptstadt besucht zu haben. Die Scheidewand, welche,
trotz dreihundertjähriger Zugehörigkeit zum Hause Habsburg, das böhmische Volk von den
Österreichern trennt, darf nicht im mindesten verwundern. Ein Hampden oder, um ein
näherliegendes Beispiel zu wählen, ein Ziska, fände heute in Böhmen mindestens eine
Million Anhänger.
Ausschnitt aus:
Sealsfield, Charles: Österreich wie es ist. Hsg. von Primus-Heinz Kucher.
Wien - Köln - Weimar: Böhlau, 1997. Seite 61 - 63