IMPRESSIONISMUS IN DER LITERATUR

 

Einleitung:

Der Künstler und Literaturtheoretiker Fritz Mauthner schrieb 1923: "Die gesamte Tätigkeit der Klassifikation, welche unsere Menschensprache hervorgebracht, ist ja nichts anderes als die Vergleichung von Eindrücken und die Gleichsetzung ähnlicher Eindrücke durch ein gemeinsames Wort." Damit trifft Mauthner jedoch genau den Unterschied zwischen der Sprache und dem, was die Impressionisten als Ziel ihrer Kunst gefordert hatten: eben diese Gleichsetzung aufzugeben und die feinen Nuancen zwischen ähnlichen Phänomenen zum Inhalt der Darstellung zu machen. Da die Sprache dazu weitgehend nicht fähig ist, konnte der Impressionismus in der Literatur nur in beschränktem Ausmaß Fuß fassen. Wenn Literatur sich impressionistischen Charakter aneignen kann, dann muß Sprache - wie die Farbe in der Malerei - selbst zum Gegenstand impressionistischen Erlebens werden. Die Möglichkeiten impressionistischer Sprachgestaltung, also die Möglichkeiten sprachlicher Nuancierung  zu analysieren ist Thema des folgenden Abschnittes.

Lexikalische Ebene
Grammatische Ebene
Syntaktische Ebene
Sonstiges




Lexikalische Ebene:

Die lexikalische Ebene bietet die Möglichkeit zur impressionistischen Sprachgestaltung durch die Verwendung von Wörtern, die Ähnliches, aber nicht Gleiches bedeuten. Durch die geringe Differenz, die zwischen ihnen besteht, kann dem Leser die Nuance vermittelt werden. Weiters kann der Autor die Abstände zwischen den Wortfeldnachbarn verringern, indem er zusammengesetzte Wörter bildet. Eine ständige Nuancierungsmöglichkeit ergibt sich aus dem Kontext, wodurch Wörter ständig ihre Bedeutung  - zumindest geringfügig - verändern können.


Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren in den frischen Morgen hinein - - -.
Frisch war der Morgen, frisch - - -.
Der junge Mann sang: "Den Finken des Waldes die Nachtigall ruft - -, von Geigenstrich hallt es goldrein durch die Luft- -."
"Singen Sie nicht - - -", sagte sie. Er schwieg - - -.
"Singen Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht - -", sagte sie, "Sie haben eine hübsche Stimme - -. Singen Sie die letzte Strophe: `auf blumiger Höh'- -.
Er schwieg und blickte in dieses süße geliebte Antlitz - - -.
Sie lächelte - -. Dann sah sie gleichgültig in die Natur. Mit der konnte man nicht spielen. Die war kalt, gelassen und lächelte selbst - - -.
Peter Altenberg, Landpartie (Ausschnitt)



Grammatische Ebene:

Auf der grammatischen Ebene bietet sich die Wahl der passenden Wortart an. Da  z. B. das Substantiv ein ständiges Sein suggeriert, das eigentlich kein Produkt der Sinneswahrnehmung, sondern ein Ergebnis der geistigen Verarbeitung  vieler Sinneseindrücke ist, ist es für die Gestaltung eines impressionistischen Textes wesentlich weniger geeignet. Auch dem Verb kommt geringe impressionistische Bedeutung zu, da gerade das Erfassen von  finiten Formen einen geistigen Prozeß darstellt. Das Adjektiv hingegen ist in der Lage, die im Substantiv ausgedrückte Wesenheit zu differenzieren, die Nuance zum Ausdruck zu bringen, weshalb es in impressionistischen Texten bevorzugt eingesetzt wird. Dem Adjektiv als Farbangabe kommt bei Peter Altenberg besondere Bedeutung zu. (Siehe: Literarischer Pointilismus!)


An den Büschen hingen rote durchschimmernde Beeren und schwarze undurchsichtige. Kleine Vögel, Schwarzblattln verließen lautlos einen Zweig, verschwanden lautlos. Die Wiesen waren lila getupft mit Herbstzeitlosen. Die Buchenzweige waren wie feine braune Netze, ausgespannt auf hellblauem Untergrunde.
Peter Altenberg (1859 - 1919), Am Lande (Ausschnitt)



Syntaktische Ebene:

Syntaktische Strukturen (Syntax: in der Sprachwissenschaft die Lehre vom Satzbau) sind geistige Operationen, stehen daher grundsätzlich im Widerspruch zur impressionistischen Sprachgestaltung. Während  komplexe Satzgebilde in impressionistischen Texten kaum anzutreffen sind, wird man einfache, kurze, tw. unvollständige Sätze häufig vorfinden. Aus der Sicht des impressionistischen Künstlers reicht es auch, Wahrnehmungsdaten - spontan - aneinderzureihen. Als Beispiel kann die nachfolgende Stelle ("Englischer Rasen, merkwürdig: hier, / Breitet sich zwischen ihnen.") gelten. Der Text spiegelt auch im Satzbau den unmittelbaren Eindruck der Verwunderung wider.


In gleichen Zwischenräumen
Stehn uralte Eichen,
So weit auseinander,
Daß die äußersten Spitzen jeder
An die äußersten der nächsten stoßen.
Englischer Rasen, merkwürdig: hier,
Breitet sich zwischen ihnen.

Wie ein anderweltlicher Hain
Mutet er mich an.
Detlev von Liliencron (1844 - 1909),
Ich war so glücklich (Ausschnitt)


Ein häufiges Stilmittel zur Bereicherung der Nuancierungen  ist der "verschobene Parallelismus", der dann vorliegt, wenn zwei Sätze oder Satzteile bis auf die "Verschiebung" weitgehend parallel gebaut sind.


Mittsommertag.
Um sieben Uhr früh schon
Spritzen die Sprenger
Das glühende Pflaster.
Und um sieben Uhr früh
Bin ich unterwegs
Nach dem Bahnhofe.
Detlev von Liliencron (1844 - 1909), Ich war so glücklich (Ausschnitt)



Sonstiges:

Weitere Möglichkeiten impressionistischen Gestaltens sollen abschließend kurz erwähnt werden:


Sie rasten in den Grabenkiosk zurück.
Dort saß noch die Französin, die man nur mit den Augen begrüßen durfte.
Aber in dieser Stunde durfte man bereits zu ihr sagen: »Guten Abend ---«
Und die beiden Herren sagten höflich: »Bon soir - - -«
Altenberg, Sonnenuntergang im Prater (Ausschnitt)

 


Sie gab ihm den ecruseidenen Schirm zu halten und blickte ihn an, wie wenn man sagt: "Bist du böse-?!" Der müde Zug verschwand aus seinem Antlitz. Er sah aus wie ein Zwanzigjähriger, der blonde Locken schüttelt und jauchzt - - -. Aber er war viel älter, und es ging vorüber - - -.
Altenberg, Landpartie (Ausschnitt)

 

 

 

Die Darstellung der Möglichkeiten impressionistischen Gestaltens in der Literatur folgt teilweise den Überlegungen von Hartmut Marhold in der Einleitung zu:
Marhold, Hartmut (H): Gedichte und Prosa des Impressionismus.
Stuttgart: Reclam, 1991

 

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