EIN SOLDAT DRESDENUND EIN MÄDCHEN

 

Fünfzehn Jahre später hätte man in der Linken eine erwachsene Frau nicht mehr ungestraft "Mädchen" nennen dürfen. Viel wesentlicher jedoch ist für die Situation von 1960, als dieser einzige, schon neun Jahre davor fertiggeschriebene Roman Frieds in überarbeiteter Fassung erschien, daß sich bis dahin noch recht wenige österreichische Schriftsteller beiderlei Geschlechts erzählerisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hatten; oder anders ausgedrückt, daß abgesehen von einem 1948 außerhalb Österreichs bei der bundesdeutschen Gruppe 47 erschienenen Vorläufers, Ilse Aichingers Erzählung "Die größere Hoffnung", erst um 1960 der literarische und kulturpolitische Markt zögernd bereit schien, entsprechende Texte aufzunehmen.

Die Mehrzahl der Autoren lebte im Ausland, im anhaltenden Exil, und es ist kennzeichnend, daß 1975 das erste, von der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur in Wien veranstaltete Exilliteratur-Symposion nur einen einzigen österreichischen Universitätsgermanisten als Referenten gewinnen konnte. Immerhin konnten Anfang der sechziger Jahre Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" (1960) erscheinen, wenig später Jakov Linds Erzählungen "Eine Seele aus Holz" (1962) und eben auch Erich Frieds "Ein Soldat und ein Mädchen".

Der 1. Teil des Romans, "Der Bericht", beginnt wie ein Märchen:

Ein Soldat und ein Mädchen. Der Soldat war ein Soldat, und das Mädchen war ein Mädchen. Und nun sind sie beide fort.

Die Erzählstruktur des Romans ähnelt dem Vorgehen bei einer archäologischen Grabung: Schicht um Schicht bewegt sich der Erzähler der Vergangenheit zu: Das Mädchen hat er nie kennengelernt, aber den Soldaten, der von der jungen, schönen, anscheinend verstockt uneinsichtigen und zum Tode verurteilten KZ-Aufseherin Helga in eine ganz besondere Rolle gesteckt worden war:

Alles war ganz anders, alles und alle. Sie waren ja gar nicht so, daß sie sich über ihre Hilflosigkeit gefreut hatten. Aber das machte sie nur noch hilfloser. Hilflos und haltlos und bodenlos war dieses neue, letzte Leben. Kein Leben mehr, und man konnte sich an nichts mehr halten. Nur das Sterben war immer noch das Sterben, und ein Henker war und blieb ein Henker, todsicher. Daran änderte sich so leicht nichts, daran konnte man sich halten.

Wieder verzog sich das Gesicht, rümpfte sich die Nase. Nicht weinen, solang ich nicht allein bin! Nicht vor allen Leuten. Alles andere lieber!

"Ihr könnt mich alle . . ." platzte sie heraus. Mitten im Wort verlor sie die Stimme und schlug sich die Hände vors Gesicht.

Die Wärterin, die sie stützte, zuckte zusammen. Helga konnte es deutlich spüren, denn es unterbrach ihr eigenes Zucken, das mir dem Schluchzen kam und verging.

Der eine Soldat brach bei Helgas Worten in ein kurzes, abgebissenes Lachen aus. Helga ließ die Hände sinken und stampfte mit dem Fuß auf . "Ja, ich habe noch einen Wunsch." Sie schüttelte sich frei. Ihre Stimme klang gar nicht mehr sehr laut. "Ich will heute nacht mit wem schlafen. Mit diesem Ami da: mit dir!" Sie zeigte auf den Soldaten, der sofort verstummt war und sich immer noch die Hand vor den Mund hielt . Offenbar verstand er Deutsch . "Ich will heute nacht mit dir schlafen."

Der unverstellt vorgetragene Wunsch einer Frau, mit einem unbekannten, spontan ausgesuchten Mann zu schlafen, und dies im Angesicht des Todes, mußte der Gesellschaft um 1960 als unerhört gelten. "Ein Soldat und ein Mädchen" zeichnet in einem den Handlungsbericht verzögernden Erzählprozeß ein knappes, aber vielfältiges Bild der Reaktionen der Betroffenen: Männer in der Umgebung des Erzählers hatten damals gewitzelt, sobald davon in den Zeitungen stand. Die Kameraden des Soldaten begegnen der neuen Situation mit Unsicherheit und Sympathie; die Gefängniswärterinnen unterstützen Helga, lassen sogar das Pretiosum von Nylonstrümpfen an sie passieren.

Jener Soldat, selbst übrigens ein jüdischer Emigrant, erfahren wir als Leser, hatte dem durch Medienberichten neugierig gewordenen Erzähler, der sich vom Autor Erich Fried nicht zu unterscheiden scheint, ein Paket mit Manuskripten ausgehändigt und sie später durch Nachträge immer wieder ergänzt. Und dem Soldaten wird immer klarer, daß er nicht   mit Helga schlafen kann, daß er sich in sie verliebt hat.

Dann ging die Tür vor ihm auf und fiel hinter ihm zu. Der Schlüssel im gut geölten Schloß kritzte nur ganz leise.
Helga sprang von ihrem Bett auf und wich gegen die Wand zurück. Dann kam sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um Ihn, so fest, daß es ihm in den Ohren zu sausen begann. Ihr nahes Gesicht sah er nur undeutlich, denn sie küßten sich.

Das folgende kurze 2. Kapitel, "Die Nacht", erzählt kaum Handlungen. In einer wunderschön erotischen Sprache taucht der Text in die Liebe und sinniert zwischendurch über ihr Wesen:

Alles ist offen, nicht nur die Zelle. Und alles ist zugefallen und geschlossen, nicht nur die Zellentür hinter dem Soldaten. Sie selbst sind einander zugefallen und offen, der offene Zufall; und sie halten einander umschlossen.
Ein Soldat ist kein Soldat mehr ohne Uniform. Vielleicht ist er nie ein Soldat gewesen. Wie leicht ist er nie ein Soldat gewesen!

Aber die Nacht ist kurz, auf Helga wartet die Hinrichtung, und tolpatschige Versuche des Soldaten sie zu verhindern, retten so wenig die Delinquentin vor dem Tod wie ihn selbst vor psychischer Deformation: Er muß in ein US-Armeespital eingeliefert werden. Einzelheiten werden häufig nicht ganz klar, denn auch der quellenkritisch agierende Erzähler ist nicht immer ganz sicher, wie er das ein oder andere Faktum im Bericht des Soldaten wirklich einzuschätzen hat.

Dem 2. Teil des Romans, "Schriften des Soldaten", stellt der Erzähler ein Herausgebervorwort voran. Dieses und (wissenschaftliche) Anmerkungen fingieren in der Folge noch stärker historische Authentizität. Die hier versammelten Texte scheinen irgendwie alle assoziativ mit Helga und ihrem Tod verknüpft. Raum und Zeit verfließen, Tiergeschichten fabelartigen Charakters, Gedichte und Limericks, epische Psychogramme, Referenzen auf Ibsen, Cervantes und Kubin sind zu einer Gesamtheit montiert, die stofflich  zum Teil weit in die Jugend des Soldaten zurückreicht und damit in die Phase der jüdischen Diskriminierung und Vertreibung.

Im 3. Teil, "Schluß des Berichts", versucht der Erzähler abzurunden und "fertigzuberichten", wie es den Soldaten aus der Bahn geworfen hat: Dahinter klemmt sich noch Autor Erich Fried mit einem Nachwort. Bewußt wird der Leser in Rat- und Hilflosigkeit gestoßen und erfährt durch das unvermittelte Eindringen der Vorgänge, wie schwierig der Umgang mit dieser schwer belasteten geschichtlichen Phase ist; zugleich aber auch, daß das Menschliche sich auch ereignet, wo man es kaum vermutet.

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