DAS ORDENSDRAMA

JESUITENKRICHE WIENJesuitenkirche Wien, Innenraum
(barockisiert)


Dem Ordensdrama kam zwischen 1550 und 1750 ein hoher Stellenwert im Theatergeschehen des deutschsprachigen Raumes zu. Die Schlüsselrolle spielten dabei die Jesuiten, welche die Vormachtstellung im Bereich des geistlichen Theaters übernommen hatten und deutlichen Einfluß auf das Benediktiner- und das Piaristendrama ausübten. Auch die Barockdramatiker Andreas Gryphius und Daniel Casper von Lohenstein erhielten Impulse, emanzipierten sich aber sehr bald von diesen Modellen zugunsten einer eigenständigen, deutschsprachig-nationalen Literatur.

 

Anlässe für Aufführungen:
Das Jesuitentheater war Teil der Erziehungsaufgaben, die sich der Orden gesetzt hatte. Die Aufführungen fanden zu festlichen Anlässen (Kirchweihen, Heiligsprechungen etc.) sowie als Festveranstaltungen am Ende des Schuljahres (ludi autumnales) statt. Bedingt durch die enge Beziehung der Jesuiten zu vielen Höfen kamen immer wieder Gelegenheitsstücke zu verschiedenen Feiern im Herrscherhaus hinzu.

Die öffentlichen Aufführungen sollten - im Sinne der gegenreformatorischen Agitation - möglichst verschiedene Publikumsschichten ansprechen. Dennoch verwendete man die lateinische Sprache. Die Zuschauer, die diese Sprache meist nicht beherrschten, erhielten Periochen (kurze zweisprachige Inhaltsangaben).

Tendenzen:
Das Jesuitendrama entstand im 16. Jahrhundert einerseits als Möglichkeit für humanistische Übungen und andererseits als Antwort im Kampf gegen die Reformation und das protestantische Schuldrama. Die Jesuiten hatten sich zum Ziel gesetzt, folgende Gedanken zu vermitteln:

Die lehrhaften Passagen fanden sich einerseits in der Handlung, zum anderen in Prologen, Epilogen und in den Chorszenen. Als beliebtes dramaturgisches Element setzte man Allegorien ein.

Die Geschichte des Jesuitentheaters in Wien:
Jesuitentheater gab es u. a. in Graz, Klagenfurt, Salzburg und natürlich Wien, wo es zu einer besonderen Hochblüte entwickelt wurde. Die erste Aufführung fand 1555 statt. Besondere Förderung fand das Jesuitendrama durch die Habsburger, besonders unter Ferdinand III. (1637 - 1657), dessen Söhne Ferdinand IV. und Leopold I. die Schule der Jesuiten besuchten. Im Auditorium des Collegium academicum (1. Bezirk, Bäckerstraße) schufen die Jesuiten 1654 einen Theatersaal, der von Ferdinand IV. mit einer Bühne mit seltenen und kunstreichen Bühnenmaschinen und Dekorationen im Wert von rund 4000.- Gulden ausgestattet wurde. Eine weitere kleinere Bühne bestand bereits im sogenannten Profeßhausgymnasium, also im ersten Kloster- und Schulgebäude der Jesuiten .

JESUITENKRICHE WIENUnter Kaiser Leopold I. (1658 - 1705) erlebte das Jesuitentheater - bedingt durch das große Interesse des Kaisers - seinen Höhepunkt. Es entstanden Gesamtkunstwerke mit Schauspiel, Musikdrama, Ballett und Fechtszenen. Als bedeutendster Komponist galt Orlando di Lasso, als bekanntester Autor Nicolaus Avancinus, dessen Werke sich aus Lehrspielen um Sünde, Strafe und Erlösung immer mehr zu Stücken mit Zeitbezug, zu Huldigungsaufführungen für den Hof und damit in die Nähe des prunkvollen Hofdramas entwickelten. Im Gegensatz dazu wurde das Jesuitendrama in Klagenfurt von keinem Hof, sondern einzig und allein vom Willen des Ordens bestimmt: Ursprüngliche Formen wie Klassendialoge, Schulschlußspiele und Karfreitagsspiele dominierten daher hier das Geschehen, während man in Wien bereits in großen Theatersälen spielte und statt biblischer Stoffe Weltgeschichte inszenierte.

Nach dem Tod Leopolds I. wurde die Tradition von seinem Sohn Joseph II. in bescheidenerem Rahmen fortgesetzt. Karl VI. und Maria Theresia zeigten kaum Interesse, die größte Bühne wurde 1754 verkauft. Als Maria Theresia 1760 das Jesuitentheater verbot, traf es eine Einrichtung, deren Zeit bereits abgelaufen war. Es war durch Aufklärung und den aufgeklärten Absolutismus immer mehr in die Defensive gedrängt worden und hatte keine zeitgemäße Alternative zu bieten.

Technik:
Das noch für die Nachwelt Faszinierende des Jesuitentheaters war die Bühnentechnik, die noch im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, bes. in den Stücken Ferdinand Raimunds, angewendet wurde.

Die Bühnenaufbauten konnten jederzeit zerlegt werden. Für die größte Bühne des Jesuitentheaters benötigte man nach zeitgenössischen Berichten für den Abbau rund einen Tag. Das Bühnenbild war zweigeteilt und sollte Himmel und Hölle oder Himmel und Erde veranschaulichen. Die Verwandlungen wurden zunächst mittels großer, drehbarer, dreieckiger Prismen bewerkstelligt. Um 1700 wurde dieses System durch Schiebekulissen abgelöst.

Besonders attraktiv und beliebt beim Publikum waren Flugmaschinen sowie Geräte, mit denen Stürme und Gewitter erzeugt werden konnten, Techniken, die - geringfügig verbessert - noch bis ins 19. Jahrhundert Verwendung fanden.

Schauspieler:
In den Stücken wirkten etwa 10 - 20 Schauspieler und - besonders in den großen Freilicht-Aufführungen - bis zu 50 Statisten mit. Bei den Schauspielern handelte es sich um Schüler der Jesuitenschulen. Für jüngere Schüler wurde die Bühne fallweise verkleinert, eine Maßnahme, die z. B. 1737 aufgrund von Interventionen der Eltern gesetzt wurde, da sie befürchteten, ihre Kinder könnten durch Überanstrengung in einem großen Auditorium lungenkrank werden.

Aufgrund des großen Aufwandes, den die Aufführungen erforderten, gab es sehr bald einen für das Drama zuständigen Leiter (comicus), meist ein Magister der 5. oder 6. Klasse, in denen Poetik, Humanitas, Rhetorik und Eloquentia gelehrt wurden, dem man Hilfskräfte zuteilte.


Beschreibung der großen Bühne des Jesuitentheaters 1654

Von einer der großen Bühnen des Jesuitentheaters ist nicht nur eine Beschreibung, sondern ein detailliertes Verzeichnis aller Bestandteile erhalten. Daraus kann man entnehmen, daß das Bühnenpodium nach hinten von 1,2 m auf 1,9 m anstieg. Die dadurch entstehende Unterbühne ermöglichte den Einsatz von Versenkungen, die über eine Winde betätigt wurden.

Das Flugwerk bestand aus sogenannten Flugbäumen, an denen die Vorrichtungen für "Flüge" von Schauspielern über die Bühne befestigt waren. Man verwendete Flugschemel, also Sessel ohne Lehne, sowie Flugwagen, die mit 1 - 2 Schauspielern besetzt werden konnten. Außerdem war es möglich, Schauspieler an Gurten zu befestigen und z. B. in Engelskostümen über die Bühne schweben zu lassen.

Als Dekorationen standen gemalte Bühnenbilder zur Verfügung. Sie stellten einen Saal mit Galerie, eine Stadt, ein Lager, einen Garten, einen weiteren Saal sowie ein Meer mit Küstenlandschaft dar. Darüber hinaus gab es Vorhänge verschiedenster Art, allen voran die rot-weiße Kurtine, welche die Bühne zum Zuschauerraum abschloß. sie wurde über Walzen in der Oberbühne aufgerollt.

Zur Beleuchtung verwendet man 22 Leuchter mit 351 Lichtern, zumeist Öllampen.

 



Textarbeit


SEITENANFANG