DAS ORDENSDRAMA
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Anlässe für Aufführungen:
Das Jesuitentheater war Teil der Erziehungsaufgaben, die
sich der Orden gesetzt hatte. Die Aufführungen fanden zu festlichen Anlässen
(Kirchweihen, Heiligsprechungen etc.) sowie als Festveranstaltungen am Ende des
Schuljahres (ludi autumnales) statt. Bedingt durch die enge Beziehung der Jesuiten zu
vielen Höfen kamen immer wieder Gelegenheitsstücke zu verschiedenen Feiern im
Herrscherhaus hinzu.
Die öffentlichen Aufführungen sollten - im Sinne der gegenreformatorischen Agitation -
möglichst verschiedene Publikumsschichten ansprechen. Dennoch verwendete man die
lateinische Sprache. Die Zuschauer, die diese Sprache meist nicht beherrschten, erhielten
Periochen (kurze zweisprachige Inhaltsangaben).
Tendenzen:
Das Jesuitendrama entstand im 16. Jahrhundert einerseits als Möglichkeit für
humanistische Übungen und andererseits als Antwort im Kampf gegen die Reformation und das
protestantische Schuldrama. Die Jesuiten hatten sich zum Ziel gesetzt, folgende Gedanken
zu vermitteln:
Die lehrhaften Passagen fanden sich einerseits in der Handlung,
zum anderen in Prologen, Epilogen und in den Chorszenen. Als beliebtes dramaturgisches
Element setzte man Allegorien ein.
Die Geschichte des Jesuitentheaters in Wien:
Jesuitentheater gab es u. a. in Graz, Klagenfurt, Salzburg und natürlich Wien, wo es
zu einer besonderen Hochblüte entwickelt wurde. Die erste Aufführung fand 1555 statt.
Besondere Förderung fand das Jesuitendrama durch die Habsburger, besonders unter Ferdinand
III. (1637 - 1657), dessen Söhne Ferdinand IV. und Leopold I. die Schule der Jesuiten
besuchten. Im Auditorium des Collegium academicum (1. Bezirk, Bäckerstraße) schufen die
Jesuiten 1654 einen Theatersaal, der von Ferdinand IV. mit einer Bühne mit seltenen und
kunstreichen Bühnenmaschinen und Dekorationen im Wert von rund 4000.- Gulden ausgestattet
wurde. Eine weitere kleinere Bühne bestand bereits im sogenannten Profeßhausgymnasium,
also im ersten Kloster- und Schulgebäude der Jesuiten .
Unter Kaiser Leopold I. (1658 - 1705) erlebte
das Jesuitentheater - bedingt durch das große Interesse des Kaisers - seinen Höhepunkt.
Es entstanden Gesamtkunstwerke mit Schauspiel, Musikdrama, Ballett und Fechtszenen. Als
bedeutendster Komponist galt Orlando di Lasso, als bekanntester Autor
Nicolaus Avancinus, dessen Werke sich aus Lehrspielen um Sünde, Strafe und
Erlösung immer mehr zu Stücken mit Zeitbezug, zu Huldigungsaufführungen für den Hof
und damit in die Nähe des prunkvollen Hofdramas entwickelten. Im Gegensatz dazu wurde das
Jesuitendrama in Klagenfurt von keinem Hof, sondern einzig und allein vom Willen des
Ordens bestimmt: Ursprüngliche Formen wie Klassendialoge, Schulschlußspiele und
Karfreitagsspiele dominierten daher hier das Geschehen, während man in Wien bereits in
großen Theatersälen spielte und statt biblischer Stoffe Weltgeschichte inszenierte.
Nach dem Tod Leopolds I. wurde die Tradition von seinem Sohn Joseph II. in bescheidenerem
Rahmen fortgesetzt. Karl VI. und Maria Theresia zeigten kaum Interesse, die größte
Bühne wurde 1754 verkauft. Als Maria Theresia 1760 das Jesuitentheater verbot, traf es
eine Einrichtung, deren Zeit bereits abgelaufen war. Es war durch Aufklärung und den
aufgeklärten Absolutismus immer mehr in die Defensive gedrängt worden und hatte keine
zeitgemäße Alternative zu bieten.
Technik:
Das noch für die Nachwelt Faszinierende des Jesuitentheaters war die Bühnentechnik,
die noch im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, bes. in den Stücken Ferdinand
Raimunds, angewendet wurde.
Die Bühnenaufbauten konnten jederzeit zerlegt werden. Für die größte Bühne des
Jesuitentheaters benötigte man nach zeitgenössischen Berichten für den Abbau rund einen
Tag. Das Bühnenbild war zweigeteilt und sollte Himmel und Hölle oder Himmel
und Erde veranschaulichen. Die Verwandlungen wurden zunächst mittels großer, drehbarer,
dreieckiger Prismen bewerkstelligt. Um 1700 wurde dieses System durch Schiebekulissen
abgelöst.
Besonders attraktiv und beliebt beim Publikum waren Flugmaschinen sowie
Geräte, mit denen Stürme und Gewitter erzeugt werden konnten, Techniken, die -
geringfügig verbessert - noch bis ins 19. Jahrhundert Verwendung fanden.
Schauspieler:
In den Stücken wirkten etwa 10 - 20 Schauspieler und - besonders in den großen
Freilicht-Aufführungen - bis zu 50 Statisten mit. Bei den Schauspielern handelte es sich
um Schüler der Jesuitenschulen. Für jüngere Schüler wurde die Bühne fallweise
verkleinert, eine Maßnahme, die z. B. 1737 aufgrund von Interventionen der Eltern gesetzt
wurde, da sie befürchteten, ihre Kinder könnten durch Überanstrengung in einem großen
Auditorium lungenkrank werden.
Aufgrund des großen Aufwandes, den die Aufführungen erforderten, gab es sehr bald einen
für das Drama zuständigen Leiter (comicus), meist ein Magister der 5. oder
6. Klasse, in denen Poetik, Humanitas, Rhetorik und Eloquentia gelehrt wurden, dem man
Hilfskräfte zuteilte.
Von einer der großen Bühnen des Jesuitentheaters ist nicht nur eine Beschreibung, sondern ein detailliertes Verzeichnis aller Bestandteile erhalten. Daraus kann man entnehmen, daß das Bühnenpodium nach hinten von 1,2 m auf 1,9 m anstieg. Die dadurch entstehende Unterbühne ermöglichte den Einsatz von Versenkungen, die über eine Winde betätigt wurden. Das Flugwerk bestand aus sogenannten Flugbäumen, an
denen die Vorrichtungen für "Flüge" von Schauspielern über die Bühne
befestigt waren. Man verwendete Flugschemel, also Sessel ohne Lehne, sowie Flugwagen, die
mit 1 - 2 Schauspielern besetzt werden konnten. Außerdem war es möglich, Schauspieler an
Gurten zu befestigen und z. B. in Engelskostümen über die Bühne schweben zu lassen. |